Mittwoch, 25. März 2015

Canapennen

Da ich seit mehr als drei Wochen überwiegend couchsurfend unterwegs bin, möchte ich dazu gern ein paar Zeilen schreiben. Vielleicht fragt sich ja der ein oder andere: wie funktioniert das denn? Ist das sicher? Und warum überhaupt macht sie das?

Meine Couchsurfing-Geschichte begann 2004, als ich mich bei der ZVS für einen Studienplatz der Psychologie im Sommersemester beworben hatte. Die Auswahl der Universitäten war mit Berlin, Gießen und Würzburg sehr gering, mein Interesse für letzteren Ort aufgrund der Distanz zzur Heimat und Stadtgröße am höchsten. Also entschied ich mich, den Franken mal einen Besuch abzustatten. Ich hatte keine Ahnung vom dortigen Zimmerangebot, suchte im Internet nach Übernachtungsoptionen – und fand den „Hospitalityclub“.

Hospitality – die Gastfreundschaft – gepaart mit einer Internetplattform, auf der man sich vorstellen, nach Übernachtungen in anderen Städten suchen und andere Nutzer „bewerten“ kann, das gefiel mir. Ich meldete mich kurzerhand an und fand eine Studentin aus Würzburg, die mir für zwei Nächte ihre Couch lieh und mich zudem einen Abend durch die Stadt begleitete. Zwar habe ich den Studienplatz aufgrund meines damaligen Frankreichaufenthaltes doch nicht angenommen, aber Würzburg blieb mir in freudiger Erinnerung.

Ein paar Jahre später in Schweden half mir der Hospitalityclub wiederholt, auf Wochenend- und beim Nach-Hause-Reisen bei Leuten vor Ort zu übernachten – ich werde nie vergessen, wie ich in Tromsö mit meinen polnischen Gastgebern im norwegischen Studentenwohnheim die Fußball-WM geguckt habe und einem spanischen Sofa-Tauscher die Stadt plus Fjord von oben betrachtet habe! In Schweden konnte ich auch das erste Mal selbst als Gastgeberin aushelfen.

Den Hospitalityclub – der übrigens in Dresden gegründet wurde! - gibt es immer noch, allerdings befindet er sich inzwischen im Dornröschenschlaf. Couchsurfing, eine Website mit demselben Austauschgedanken, aber zeitgemäßerer Programmierung, hat inzwischen „den Markt“ übernommen und so bin ich seit 2012 auch hier Mitglied. Die Funktionsweise ist denkbar einfach: man meldet sich an, erzählt etwas über sich und seine (Schlaf)Vorlieben sowie über die mögiche Hilfe, die man anderen bieten kann (Schlafplatz, Stadtführung, Kaffee & Tee,...) und dann kann's eigentlich schon losgehen!

Ich versuche immer, spätestens vier Tage vor meiner Ankunft Gastgeber gefunden zu haben, was bis auf wenige Ausnahmen meistens auch geklappt hat. Ich lese mir die Profile und Referenzen der möglichen Gastgeber möglichst genau durch, schaue wer vielleicht am besten zu mir passt – es gibt zum Beispiel viele Musiker unter den Mitgliedern – und schreibe dann ein paar Zeilen zu meiner Tour mit der Bitte um Schlafgelegenheit. In den größeren Städten gibt es natürlich viel mehr Couchsurfer, sodass ich in den kleinen Orten nicht sehr wählerisch sein kann. Wenn ich niemanden finde oder ein komisches Gefühl bekommen sollte (das ist bisher noch nicht passiert), suche ich halt Jugendherbergen oder im Notfall ein Hotel.

Interessanterweise habe ich bisher kaum auf echten Sofas – hier Canapés genannt – übernachtet, sondern hab sehr oft ein Gästezimmer belegt. Das ist das Schöne am Couchsurfen: man weiß nie genau, was man bekommt, gewissermaßen wie bei Forrest Gumps Schachtel Pralinen. Ich mag, dass man bei echten Menschen zuhause und nicht in einem frischgeputzten Hotelzimmer übernachtet. Meist teilt man auch Essen und Einsichten am Abendbrottisch, sodass man viel mehr über Land und Leute erfährt. So merke ich inzwischen sehr deut(sch)lich, wie ich auf „Teller“ als frühstückliche Brotunterlage geeicht bin. Die Franzosen verzichten gern drauf oder benutzen ein kleines Tablett...

Meiner Meinung nach sprechen sehr viele Gründe fürs Couchsurfen:
  • Man trifft Menschen unterschiedlicher Herkunft und lernt andere Lebensweisen kennen - wenn man Gastgeber ist, sogar in den eigenen vier Wänden.
  • Als Gast bekommt man Informationen über die lokalen Gegebenheiten, oft sogar Tipps für aktuelle Veranstaltungen, die gar nicht in Touristenführern stehen.
  • Wenn man seinen eigenen Schlafsack und Handtücher mitbringt, erspart man der Umwelt ziemlich viel Wasser- und Waschmittelverbrauch.
  • Es ist günstig – wobei dies nicht der ausschlaggebende Grund sein sollte. Ein guter Couchsurfer ist ja nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber. Zudem finde ich es persönlich immer nett, mit einer Flasche Wein, Käse oder anderen Dingen zum Essen beizutragen.
  • Man erkundet nicht nur das Reiseziel, sonder gewissermaßen auch sich selbst und seinen Herkunftsort. Die anderen Couchsurfer sind ja auch oft reiselustig ;-)
Während ich so in den letzten Tagen über diese Form des Reisens nachdachte, habe ich mich gefragt, seit wann es das Konzept „Hotel“ im heutigen Verständnis überhaupt gibt. Couchsurfen im Sinne von „Übernachten bei Privatpersonen“ ist ja eigentlich gar nicht so neu – das wurde Jahrtausende lang praktiziert. Der einzige Unterschied ist die Art der Unterkunftssuche. Und die ist mit dem Internet eigentlich seeeehr bequem...

Montag, 23. März 2015

SAUMUR!

Waaaaah.... ist das schön, wieder einmal hier zu sein!

Ich sitze gerade bei einem Glas Rotwein - natürlich von den Côtes de Saumur! - auf der Insel in "meiner" Stadt und bekomme gerade Nudeln mit Wok-Gemüse serviert. Gleich geh' ich mit dem Couchsurfer noch eine Runde schauen, was sich in den elf Jahren seit meiner Abreise verändert hat. Nicht, dass ich mich an viel erinnern könnte ;-)

Morgen geht's weiter nach Tours, vorbei an "meinem" Campingplatz in Varennes-sur-Loire.

Fotos folgen:
Das Ortseingangsschild, davor Luigi und eine glücklich-geschaffte MuTZ:
Saumur, Luigi und ich.

Das Rathaus und im Hintergrund, leider nicht ganz scharf, der obligatorische "Charlie-Hinweis"
Rathaus mit Charlie-Spruch

Hinter diesen Fensterläden verbarg sich anno 2004 ein Cybercafé, wo ich viele Stunden zugebracht habe - jetzt zu vermieten:
Ex-Cybercafé zu vermieten

Über diese Brücken bin ich früher in die Stadt geradelt (im Hintergrund das Schloss) - diesmal hab ich auf der Insel übernachtet, im zweiten Haus links neben der Brücke. Loire-Blick inklusive ;-)
Regentrüber Saumur-Blick

Zieleinlauf kurz vor dem Campingplatz "Etang de la Brèche":
500m vorm Ziel

Oh ja, es hat geregnet heute, am Dienstag... 60km mit Gießkannenschauer kann ich nicht empfehlen!

Que du vent

Es ist etwas ruhiger um meine Reiseerzählungen geworden – zuerst, da es im Form von Sprachgewirr lauter um mich wurde. Da wollte ich mich lieber aufs Zuhören, Verstehen, Übersetzen und Kennenlernen neuer Formulierungen konzentrieren. Witzigerweise war deutsch dabei die untergeordnete Sprache. So saß ich am Mittwochabend in einer Kneipe in einem Raum mit mindestens 40 Landsleuten, die für einen Sprachkurs nach La Rochelle gekommen waren. Aus Platzgründen war es aber unmöglich, sich zu den Deutschen zu setzen, sodass ich letztendlich den ganzen Abend französisch und in Wortfetzen englisch gesprochen habe...

Insgesamt bin ich drei Nächte in La Rochelle geblieben und habe in diesen zuerst allein und zuletzt zu viert das Wohnzimmer des Couchsurfing-Pärchens belegt. Die beiden sind erst seit kurzem in der Stadt und erkunden sie daher selbst noch ein wenig, sodass ich mit ihr auch einen langen Spaziergang und zusammen mit den beiden Finnen einen Ausflug ins Museum der französisch-amerikanischen Beziehungen gemacht habe. Den Besuch letzteren kann ich nur empfehlen, denn da vermischt sich ein wunderschönes altes Herrenhaus mit beeindruckenden Malereien sowie anderen Kunstwerken und nicht zuletzt der – manchmal traurigen – Geschichte der „Eroberung“ Amerikas. Mir blieb so manchmal die Kinnlade offen stehen angesichts der Fakten zu Sklavenhandel und Co. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass Frankreich die Sklaverei zweimal abschaffen musste, weil Napoleon sie kurzerhand wieder eingeführt hatte?

Der zweite Grund für meine selbstgewählte Aufenthaltsverlängerung in La Rochelle war das Wetter. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, schon am Freitag weiterzuradeln, aber mein Gastgeber kam nach dem morgendlichen Joggingausflug ziemlich durchnässt zurück in die Wohnung und erzählte, dass ihm der Wind ganz ordentlich angeblasen hat. Da ich auch immer noch einen leichten Schnupfen mit mir herumschleppte, entschied ich mich dann für einen weiteren Tag in der Stadt, beziehungsweise vor allem in der Wohnung. Nach einem Spielevormittag habe ich Gemüse und Kokosmilch fürs Abendbrot gekauft, dann kam besagter Museumsausflug und abends saßen wir in lustiger Runde, tranken Wein und Rummischgetränke, bis wir uns in den frühen Morgenstunden in unsere Schlafsäcke einrollten.

Das Wetter war dann auch in den letzten zwei Tagen nicht sonderlich gnädig mit mir. Blies mir der Wind von La Rochelle bis Marans noch allein entgegen, gesellte sich danach noch der Regen für ca. 15km mit dazu. Auf dieser Strecke konnte ich das erste Mal die Qualität meiner Regensachen prüfen – und muss sagen, ich bin sehr zufrieden! Die letzten Kilometer entlang des Flusses Vendée begleitete mich dann schon der nächste Couchsurfer aus Fontenay-le-Comte, der zuvor ein halbes Jahr kein Fahrrad gefahren war. Er war danach auch etwas geschafft ;-)

Die Vendée verdient aufgrund der guten Fahrradwegbeschilderung und einem scheinbar unergründlichen Lokalpatriotismus eigentlich einen eigenen Artikel – ich weiß nur noch nicht, ob ich dazu kommen. Lass Euch auf jeden Fall gesagt sein, dass ich bisher in keinem Departement so viele Hinweise auf die regionale Identität gefunden habe! Und für die Mathematikaffinen noch ein Schmankerl: in Fontenay-le-Comte lebte und arbeitete Francois Viète, der das Rechnen mit Variablen (wieder)“erfand“ und der damit für manche als Gründungsvater der Algebra gilt.

Meine gestrige Etappe von Fontenay-le-Comte bis Bressuire war gewissermaßen die härteste, die ich bisher absolviert habe. Zwar waren es nur etwa 60km in hügeligem, aber nicht extrem steilem Gelände – dafür hatte ich aber durchgängig Gegenwind und, noch viel schlimmer, zu wenig Wegzehrung mitgenommen. Irgendwie war ich davon ausgegangen, unterwegs schon eine Bäckerei zu finden, weil das bisher immer so gut geklappt hat. Leider hat mir aber die Bevölkerungsdichte in Kombination mit dem Wochen- und Wahltag Sonntag einen Strich durch die Rechnung gemacht. So war ich dann in St.Pierre-sur-Chemin extrem dankbar dafür, dass sich eine Brasserie fand, die mich mit Kaffee, Ziegenkäse-Panini und einem Bountyriegel für die Weiterreise versorgte.

Aufgrund des starken Gegenwinds war ich auch echt langsam und kam erst nach 18:00 Uhr in Bressuire an, wo ich auf der Suche nach Couchsurfing-Unterkünften zuvor leider noch nicht fündig geworden war. So fragte ich mich nach „günstigen Schlafmöglichkeiten“ durch die Stadt und hoffte ein wenig, eine mildgestimmte Seele möge mich mit nach Hause nehmen. Stattdessen bekam ich viel Schulterzucken und nur wenige Hinweise darauf, wo es überhaupt Pensionen geben könnte. Das einzige stadtinnere Hotel war dann auch noch geschlossen!

Letztendlich radelte ich in der Dämmerung wieder vor die Tore der Stadt, wo ein kleines Hotel namens „Les Trois Marchands“ (die drei Händler) angesiedelt ist. So kam ich denn zu meiner teuersten bisherigen Übernachtung, bei der ich mir dann aber zumindest ein Bad gegönnt habe. Jetzt sitze ich in meinem Doppelbett und überlege, ob ich zum Frühstücken zurück in die Stadt oder lieber mit frischgekauftem Brot und Obst irgendwo aufs Feld fahre. Mein Hunger spricht für die erste Version.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind, wird mich auch heute wieder piesacken und ich begegne ich ihm mit meinem deutschen Akzent und sage „Il y a que du vent“ (es gibt nur Wind), was in französischen Ohren wie „Il y a que du vin“ (es gibt nur Wein) klingt. Denn heute abend, meine Lieben, bin ich zurück an der Loire, und das werde ich mit einem Gläschen Rotem feiern!

Freitag, 20. März 2015

Frankodenglosuedophonie

Ich sitze gerade mit meinen französischen Gastgebern und schwedischsprechenden Finnen im Wohnzimmer, in dem ich letzte Nacht zusammen mit einem anderen Deutschen übernachtet habe... hätte nie gedacht, dass ich soooo viele Sprachen in so kurzer Zeit durchprobieren kann. Das macht wirklich Spaß!

Bin übrigens immer noch in La Rochelle, da der Wind heute den Regen von Nordost aus vor sich hin schiebt und das ist blöderweise genau die Richtung, in die ich radeln wollte. Das ist aber nicht so schlimm, denn so konnte ich heute morgen endlich mal wieder SET spielen, meine Kochkünste ausprobieren (und sich damit mal bei den Gastgebern revanchieren), ein paar organisatorische Dinge zuhause klären und werde später auch noch ein Museum besuchen. Dazu freuen sich auch meine Nase, meine Knie und mein rechter Fuß über die Pause ;-)

Donnerstag, 19. März 2015

Meeeee(h)r!

Luigi am Meer

Ich sag nur mal kurz "Salut", bevor ich mich aufmache, um La Rochelle zu erkunden. Und damit Ihr schonmal einen ersten Eindruck bekommt, gibt's hier eine kurze Liste von dem, was es auf den letzten Etappen mee(h)r gab:
  • Wein, Wein, Wein, Wein... Chateaux... und Wein - so ziemlich genau von Bordeaux bis Cognac
  • Sonne und damit einhergehend die Fortsetzung meines Sonnenbrands :-/
  • Genau soviel Wärme, dass ich dazu übergegangen bin, statt eines T-Shirts plus winddichter Jacke zwei winddurchlässige Shirts übereinanderzuziehen... dafür hab ich jetzt mehr Schnupfen als zuvor :-(
  • Käse - Comté, Chèvre, Brebis, Camembert,... ich arbeite mich langsam durch!
  • Wasser in süßer Form an der Charente und mit Salzzugabe am Atlantik
  • Strand und Sand, der durch die Finger rinnt
Strandpause

Aufgrund des Schnupfens pausier ich mal wieder einen Tag, was aber angesichts des touristischen Potentials dieser Stadt gar nicht so schlecht ist. Zudem liegt hier im Hafen gerade die "Hermione" - ein Segelschiff, was in alter Handwerksmanier gezimmert wurde, um bald den Hafen in Richtung New York zu verlassen. Das will ich mir nachher unbedingt anschauen!

La Rochelle ist übrigens die Partnerstadt von Lübeck, was mich aus nostalgischen Gründen gleich in gute Stimmung versetzt. Gestern dagegen hab ich in Rochefort - der Partnerstadt von Papenburg und ebenso Schiffsbauhochburg - in der Jugendherberge genächtigt. So, jetzt aber raus an die frische (Meeres)Luft!

So sah sie dann aus, die Hermione... und die Schlange, die mich - neben des Eintrittspreises - von der Besichtigung abgehalten hat:
Die

Dienstag, 17. März 2015

Was ich mag

Ich mag Drahteseljungs und Pferdemädchen,
Gluckenmamas, Adleraugenpapas, aber auch Vogelfreie.
Kaviarkinder und Elefanteneltern,
Eulenomas und Lärchenleute,
Faultierfamilien und Frechdachsfreunde,
Schweineigelschwestern sowieso!

Aber vor allem mag ich:
Tierisch nette Leute!

Gruß aus Cognac, wo ich gestern eine Kostprobe der hiesigen Spezialitäten bei meinem supernetten Couchsurfer probieren durfte! Fotos zum Thema "Tierisch nett" folgen :-)

Esel (?) hinter Drahtzaun
Zwar keine Drahtesel, aber zumindest Eselähnliche hinter Drahtzaun... wer mehr sehen will, darf gern mal bei Flickr vorbeischauen.

Sonntag, 15. März 2015

Bäckerei-Leckereien

Aus aktuellem Anlass berichte ich hier mal von der Vielfalt französischer Backkünste. Ebenso wie in Deutschland haben in Frankreich die kleinen Handwerksbetriebe mit Filialbäckereien und Supermarkt-Brotauslagen zu kämpfen. So bewirbt LIDL auch hier sehr aggressiv sein Angebot:

LIDL bäckt Brot-Märchen

Mir wurde allerdings in Frankreich bisher noch nie Discounter-Brot angeboten. Das "pain quotidien" - unser täglich Brot - kauft man hier traditionell beim Boulanger, dem Bäcker für Brot und Brötchen. So gibt es in fast jedem noch so kleinem Dorf eine Bäckerei, in der man auch Sonntag sein Baguette besorgen kann, Was auch dringend nötig ist, denn Brot wird hier zu jeder Tages- und Nachtzeit gegessen, als Beilage zum Hauptmahl und natürlich auch zum Käse (über den man übrigens auch mehr als einen Artikel schreiben könnte). Dazu gibt es in der Boulangerie auch immer verschiedene Landbrote, Croissants, Rosinenschnecken und mit Schokolade gefüllte Blätterteigteilchen, die je nach Region "Chocolatines" (Süden) oder "Pain au chocolat" (Norden) genannt werden.

Brotauswahl auf dem Wochenmarkt

Doch die französischen Backkünste sind mit Brot und Blätterteig lange noch nicht erschöpft! Dort, wo die Boulangerie aufhört, beginnt die französische Patisserie - gewissenmaßen die Konditorei, nur dass dazu auch schon "einfache" Kuchen gehören. Auch hier wird viel mit Blätterteig gearbeitet, aber ebenso mit Mürbe- (der heißt hier "Sablé" - "sandig") und anderen Teigen. Dazu kommen frische Früchte und tausend Verarbeitungsvariationen von Schokolade, ein Fest für die Sinne!

Patisserie-Werbung in Bordeaux

Eine Bordelaiser Spezialität sind die Canelés: kleine guglhupfförmige Küchlein aus Rührteig, die innen noch feucht und außen knusprig sind. Im Teig wird nur Eigelb verwendet und durch die Zugabe von etwas braunem Rum haben sie auch eine sehr feine alkoholische Note. Das wäre nix für meinen marokkanischen Gastgeber gewesen, der das sofort geschmeckt hätte ;-)

Lecker war's, mein Canelé

Die Canelés werden auch im Supermarkt angeboten - aber ehrlich, die können nicht schmecken! Die Außen-Knusprigkeit eines frischen Küchleins erhält sich nicht über Tage in einer Plastikhülle, ebensowenig wie der Geschmack gleich bleiben würde. Insofern bin ich sehr froh, dass ich gestern beim Durchqueren von Bordeaux noch mal einen Bäckerstand auf dem Sonntagsmarkt vor der Bordelaiser Kathedrale gefunden habe:

Canelés auf dem Markt

Bourgeous Bordeaux

Wenn Toulouse die Arbeiterklasse ist, dann ist Bordeaux das Bürgertum - oder um es sächsischer auszudrücken: Toulouse ist wie Leipzig, Bordeaux wie Dresden... Und nein, das mein ich nicht ernst!

Vorgestern abend bin ich in wechselhafter Wetterlage in die Stadt hineingeradelt, immer rechts entlang der Garonne und mal wieder durch der Stadt vorgelagerte Industriegebiete. Diesmal keine Autohäuser am Straßenrand, sondern kleine Fischerschuppen links, von denen man seine Angel direkt in die Garonne hängen kann. Der Fluss ist hier schon wirklich breit, und heißt nach der Stadt "Gironde". Hier spielen die Gezeiten bereits eine große Rolle und drücken Wasser in die Garonne, sodass es manchmal regelrecht zu Flutwellen kommen kann, auf die sich die Surfer freuen. Ich selbst habe sowas nicht gesehen.

Als ich die erste Brücke zur Flußüberquerung nahm, fuhr gerade ein Schiff aus Richtung Toulouse vorbei, dass normalerweise Teile von Airbus transportiert - die Flugzeugindustrie wirkt sich also durchaus bis hierhin aus, was in Kombination mit dem Wein eine lustige Mischung ergibt. Wobei ich gleich zugeben muss: ich habe bisher nur einmal Bordeaux-Wein probiert, und das war in Toulouse :-)

Nachdem ich mich meiner leuchtendgelben Fahrradbekleidung entledigt und mich stadtfein gemacht hatte (=Helm ab, Haare gerichtet, rote Jacke angezogen) gönnte ich mir erstmal frisches Gebäck in Form von ungarischen Baumstriezeln. Der Bäcker war tatsächlich aus Ungarn und probiert hier seit drei Monaten sein Glück. Bald muss er aus dem Laden wieder raus und ich habe ihm geraten, es auf dem Markt zu versuchen - in Dresden liefen die Dinger auf dem Weihnachtsmarkt jedenfalls super! Hoffentlich findet er einen weg, denn diese Leckereien sollte es häufiger auf der Welt geben!

Bevor ich zu meinem Gastgeber wieder aus der Stadt herausgefahren bin, schlenderte ich also noch ein bisschen durch die Straßen und habe mir Mühe gegeben, nicht zuviel Toulouse in den Straßen zu suchen. Backsteinbauten gibt es hier nämlich gar keine, dafür viele Klassizismus aus weißem Baumaterial, das mit der Zeit mit dunkler Patina überzogen ist. Diese schwarze Hülle ist aber im Gegensatz zum Sandstein-Schwarz keine Korrosion, sondern ein Pilz, der sich außen am Gebäude anlagert. Und da dies den Leuten nicht gefällt, wird seit ein paar Jahren fleißig wieder das Weiß herausgearbeitet. Das sieht man sehr gut an der Kathedrale, die halb-hell, halb-dunkel erscheint.

Da es kurz vor meiner Ankunft geregnet hatte, glänzten die Fußgängerzonen...

Später mehr, jetzt erstmal Frühstück mit dem Gastgeber ;-)
... und nach dem Frühstück bin ich losgefahren, habe uuuuunendlich viele Weinfelder und Chateaus gesehen, die Garonne/Gironde per Boot überquert und sitze jetzt im Pub von Blaye, wo ich auf die nächsten Couchsurfer warte.
Zurück zu Bordeaux:


Während meines ersten Stadtbummels hielt sich das Wetter noch zurück, aber kurz nachdem ich das Zentrum von Pessac - wo mein Gastgeber wohnte - erreicht hatte, fing es wieder richtig an zu regnen. Und so kam es, dass ich ein erstes Mal auf dieser Reise etwas nass geworden bin, denn ich hatte für den letzten Kilometer keine Lust zum Umziehen.

Was ich bei meiner Gastgeberauswahl nicht bedacht hatte: in Bordeaux gibt es ja angeblich ziemlich guten Wein - man sollte hier vielleicht bei jemanden nächtigen, der Alkohol trinkt. Mein marokkanischer Couchsurfer ist herkunfts- und gewissermaßen religionsbedingt Alkohol nämlich nicht gewohnt und hat von meinem mitgebrachten Weißwein nur ein Anstandsschlückchen mitgetrunken. Später hab ich ihm das Konzept "Schorle" nähergebracht, was er glaube ich ganz nett fand ;-) Das hat auch ganz gut zum Salat gepasst, den wir uns zusammengestellt haben.

Neben der freien Unterkunft bekam ich gleich ein paar Bücher über Bordeaux in die Hand gedrückt, mit schönen Bildern von der Stadt bei gutem Wetter. Am nächsten Tag war's immer noch etwas kühl, aber nicht mehr regnerisch und wir machten uns auf den Weg in den botanischen Garten, wo gerade ein Schokoladenfestival stattfand. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie viel Schokolade man für 2€ Eintritt verkosten kann... und was Chocolatiers so alles aus dem schwarzen Gold herstellen! Fakt ist, dass wir an diesem Tag kein Mittagessen brauchten :-)

Nach dem Schoko-Botanik-Ausflug sind wir noch ins "Haus der Ökologie" gegangen und haben uns ein pädagogisches Theaterstück über die Funktionsweise des Ohrs angesehen (und natürlich auch angehört) - so kenne ich jetzt ein paar französische Fachbegriffe mehr und besitze zudem ein weiteres Paar Ohropax. Nach dem Spektakel sind wir zunächst zu zweit, und später ich allein weitergeschlendert...

Auch heute habe ich noch einmal neue Seiten von Bordeaux entdeckt, als ich die Stadt radelnd in Richtung Norden durchstreifte. Dabei kam ich zunächst durch gutbürgerliche Viertel, dann an einem Rummel vorbei, sah am Kai viele Ausflugsboote und einen laaaangen Wochenmarkt, hab meinen kaputten Getränkehalter in einem Fahrradladen auswechseln lassen (Klassiker: "Vous êtes toute seule?") und dann, ganz plötzlich, war ich zurück in Deutschland: in BRANDENBURG! Das liegt übrigens direkt hinter NEW YORK, zumindest auf der Tramway-Strecke B. Die Gegend war sowas von Reinald Grebe, das kann man sich gar nicht vorstellen!

Kurz hinter Brandenburg kommt noch ein Industriegebiet und dann, dann hört Bordeaux einfach auf. Tschüssikowski, nix mehr mit Bürgerlichkeit! Da kommt noch ein wenig Nichts und ein, zwei Kreisverkehre - und voilà, plötzlich ist man im Wein-und-Chateau-Land. Aber dazu später mehr...

Samstag, 14. März 2015

So it goes...

Zwar könnte hier die nächste blumige , oder besser wind-und-wetterige Episode über meine gestrige Fahrradtour von Podensac nach Bordeaux folgen, aber ich möchte lieber etwas in der Zeit springen. So wie der Held vom "Schlachthof 5", von dem ich auch die Titelzeile geklaut habe...

Vielleicht fragen sich einige, warum ich diese Reise hier überhaupt mache. Ich jedenfalls frage mich das immer mal wieder und finde auch ständig neue Antworten darauf. Die gestrige Lektion lautet: "Offener werden", wenn nicht gar "Vorurteile abbauen". Ich schlafe nämlich gerade in Pessac, 8km südlich von Bordeaux, in einer französischen Sozialwohnung bei einem sehr netten Marokkaner, der gerade noch Lieferfahrten macht. Das tut er momentan sieben Tage die Woche, drei Stunden pro Tag und nicht selten in den frühen Morgenstunden. Sieben mal drei macht einundzwanzig, das ist wahrscheinlich der Grund, warum er in den HLM ["Asch el em"] residiert.

Entgegen meiner - durch den Französischunterricht und arte-Beiträgen gewachsenen - Vorurteile ist die Gegend der günstigen Wohnhochhäuser hier überhaupt nicht heruntergekommen, im Gegenteil. Die Wohntürme und Flachbauten erinnern mich eher an sanierte Studentenwohnheime in Dresden (für die Dresdner: an die Wundtstraßen-Hochhäuser). Und mein Gastgeber hat auch mehr Platz, als ich das erwartet hätte, jedenfalls schlaf ich in seinem Arbeitszimmer, in dem sich neben einer Gästematratze auch ein Regal mit Büchern zum Sprachenlernen, über die Programmiersprache Java und über Archäologie finden.

Aber zurück zur Grundfrage: warum mach ich das hier eigentlich?
Dazu muss ich etwas länger ausholen:

Sommer 2000 - erste große Verliebtheit, erste große Fahrradtour. Drei Wochen durch Schweden hinter zwei Jungs hinterherstrampeln, die älter und/oder wesentlich fitter als ich sind. Am Anfang bei jedem Anstieg denken: "Warum mach ich das hier eigentlich?" (erkennt jemand das Muster?). Zwischendurch viel diskutieren, Skat lernen und Pläne schmieden - irgendwann gründen wir eine unabhängige Radiostation! Und gegen Ende der Reise: gar nichts mehr, einfach nur Ruhe im Kopf. Ziemlich ungewöhnlich für eine MuTZ, deren Gedanken sich sonst gern überschlagen. Ein Gefühl, dem ich sonst nur nach langen Saunatagen und fordernden Orchesterproben nahe komme. Ein Gefühl, dem ich mal wieder auf dem Zahn fühlen wollte.

Bereits ein Jahr zuvor: der Wunsch nach der großen Freiheit, ein anderes Land entdecken, am besten weeeeit, weeeit weg. Bewerbungen für ein Stipendium geschrieben und die erste Absage aufgrund zu geringem Alters (ich war noch 15) bekommen. Im Folgejahr wieder probiert, ein paar Bewerbungsrunden durchlaufen, um recht spät die zweite Absage zu kassieren. Mich ziemlich enttäuscht auf die Oberstufe in Deutschland eingestellt, dann aber doch noch einen Finanzierung von meiner Oma zugesichert bekommen (ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich ihr bin!). Und schwupps, nach der Schwedentour 2000 für 10 Monate in die USA zum Lernen geflogen. Dort vor allem gelernt, dass eine andere Sprache und Kultur auch einen anderen Menschen aus einem machen. Plötzlich war ich "cute", im wahrsten Sinne sprachlos und anfangs ziemlich schüchtern...

Nach dem Abi und einem Kurzausflug ins Neu-Berliner Studentenleben gleich nochmal losgezogen, um "in Frankreich zu leben". Der Campingplatz in Saumur war teilweise an meinen Arbeitgeber Eurocamp vermietet, wo vor allem englische und holländische Kunden die bereits vorbereiteten Zelte bezogen. Dort habe ich mehr an meinem amerikanischen Akzent gearbeitet als an der französischen Sprache, geschweigedenn Kultur. Allerdings kenne ich mich seitdem ganz gut mit französischen Lebensmittelketten aus ;-) Ein Angebot, erstmal weiter im Tourismus zu arbeiten, hab ich ausgeschlagen - man sollte doch vernünftig sein, wenn man doch sooo ein gutes Abitur hat... inzwischen hab ich ein gutes Diplom in der Tasche und bin guter Dinge, dass es auf Reisen nicht schaden kann.

2004 bis 2011 - Faust gespielt und studiert, was das Zeug hält. Nebenbei radelnd und laufend die sächsische Landeshauptstadt erkundet, Gästeführerschein gemacht. Reisegedanken gehegt und "vernünftigen" Lebenslauf gepflegt. Praktika bei der Deutschen Bahn und Solarmodulhersteller, Nebenjobs an Uni- und Forschungsinstituten. Ziemlich viel Computer ... eines der Dinge, denen ich hier nur teilweise aus dem Weg gehen will. Während ich radfahre, bleibt das Netbook natürlich aus - in den Pausen und abends schreib ich aber gern mal ein paar Zeilen. Aber dann doch lieber Text als Code!

Zwischendrin: reisen! Kurz, lang, weit, nah - was eben ging und wie's die Freunde mitmachten. 2008 und 2009 auch mal kurz alleine, in Spanien und Norwegen. Damals schon das Couchsurfen schätzen gelernt und sich überlegt, das irgendwann mal wieder zu machen...

Frühling 2014 - letzte große Liebe mit einem lachendem sowie einem weinenden Auge in Dresden zurückgelassen und nochmal den Neustart versucht, mit Aussicht auf eine "Fach- oder Führungskarriere" in einem gemeinnützigen Unternehmen. Geplante Orts- und Abteilungswechsel, überall mal reinschnuppern, das klang eigentlich traumhaft! Zunächst war's auch toll, mal einen neuen Flecken Deutschland zu entdecken und sich ins Schwäbische reinzudenken... dann irgendwann nicht mehr.

Das war der Punkt, wo ich mir eine Pause verordnet habe.

Bis zur Pause hat's noch ein wenig gedauert und ich hab im Dezember 2015 den letzten Job wieder mal mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen. Bin sehr dankbar über die letzten drei Monate, in denen ich tatsächlich nochmal den Duft eines normalen, "der Ausbildung entsprechenden" Arbeitslebens mit tollen Kollegen schnuppern konnte. Und ich fühle mich nach diesen drei Monaten auch sicherer denn je, dass mich mit einem solchen Büroleben auch anfreunden könnte, wenn es denn irgendwann notwendig würde. Ist es aber gerade nicht - und ich habe inzwischen auch eine sehr klare Idee davon, was ich stattdessen machen könnte. Dieser Vorstellung möchte ich auf den Zahn fühlen.

Irgendwo zwischen dieser ersten Fahrradtour und meiner letzten Kündigung ist in meinem Kopf die Idee entstanden, irgendwann "einfach loszugehen". Eigentlich schon viel früher, denn ich hab mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn ich meinen Nachhauseweg in Bautzen nicht bei meinen Eltern beenden, sondern einfach weiterlaufen würde... irgendwann würde ich Prag erreichen und dort Tschechisch lernen. Ich hatte sogar schon einen Plan, wie ich möglichst kostengünstig über die Runden kommen würde: mit Rapsöl und Vitaminbrausetabletten - viel Kalorien für wenig Geld, dazu die notwendigen Ersatzstoffe ;-) Inzwischen würde ich den Speiseplan wohl etwas umfangreicher gestalten...

Das mit dem Loslaufen hat nicht so richtig geklappt und als mir dann plötzlich klar war, das JETZT der richtige Zeitpunkt ist, kamen mir ganz schöne Muffensausen. Wo ist das denn, die große weite Welt, wo will ich denn da hin? Gottseidank hat der Zufall mir noch rechtzeitig eine Hochzeitseinladung in Südostasien geschickt, sodass das Fernziel Malaysia für Mai inzwischen gesetzt ist. Frankreich hat sich dann irgendwie "ergeben", anders kann ich es nicht erklären. Und ich bin ziemlich froh, dass es so gekommen ist.

So it goes...

On the road again

Mittwoch, 11. März 2015

Radeln, wo andere Urlaub machen ;-)

Es wird Zeit, dass ich mal ein wenig über die Gegend hier schreibe - nicht nur über Anstiege und Abfahrten, sondern über die Geschichte, die Leute, die Sprache, das Essen... und da gibt es eine Menge zu erzählen!

Just in diesem Moment sitze ich mit einem Cappuccino im Café de Pays von Nerac, wo ich mich eigentlich gerade im Schloss von Henri IV weiterbilden wollte. Aufgrund einer außerordentlichen Schließung des Museums muss ich stattdessen aber die Sonne genießen und nutze das gleich mal zum Aufschreiben meiner Eindrücke. Das Café hier gehört übrigens einem Belgier, mit dem ich gerade in einer Mischung aus Deutsch, Flämisch und Französisch über die Internetverbindung diskutiert habe. Ein sehr netter Kerl, ebenso wie die marokkanischen Tischnachbarn ;-)

Ich befinde mich nun südlich des großen Flusses Garonne, der von Toulouse aus über Bordeaux bis ins Meer fließt. Gestern habe ich ihn auf einer Fußgängerbrücke in Agen überquert, um in das Dorf in den Hügeln zu kommen und da war die Garonne bereits so breit wie die Elbe in Hamburg. Derzeit gibt es auch ein bisschen Hochwasser und vielleicht täuscht die Breite, aber ich bin sehr beeindruckt davon, dass eine Flußquerung für Nichtmotorisierte geschaffen wurde. In Agens habe ich außerdem noch eine weitere tolle Brücke gefunden, die über den Canal du Midi führte: die Eifel-Brücke in Stahlfachwerkbauweise. Erinnerte mich ein wenig an das Blaue Wunder, nur dass sie eben kleiner und braun war. Und vom Herrn Eifel, das ist ja wohl was!

Agen, das ist eine über 30.000 Einwohner zählende Stadt im Herzen des Départements Tarn-et-Garonne, einer sehr ländlichen Gegend mit unheimlich viel Landwirtschaft. Auf meiner Tour von Toulouse bis Moissac habe ich schon die ersten Obstbauern Bäume schneiden sehen, gestern dann auch viele verschiedene Tiere und heute sogar einen Traktor, der ein Feld - mit was auch immer? - besprenkelt hat. Tatsächlich ist die Gegend hier bekannt als Obstwiese Frankreichs, sehr bedeutend darunter die Pflaume in getrockneter Form. Hab mich heute gleich mal eingedeckt.

Ich speicher schon mal vor. Falls der Akku ausgeht, schreibe ich später weiter...
... der Akku ist auch wie erwartet gestorben und nun - einen Tag später - sitze ich im Café "Caro & Co" im Pilgerstädtchen Bazas, habe gerade die Kathedrale besucht und versuche mal, an den gestrigen Eintrag anzuknüpfen.


Die Trockenpflaumen von Agen, das sind nicht nur einfach getrocknete Früchte. Sie tragen stolz den Namen "Prunes d'Agen" und werden in allerlei Verarbeitung angeboten - unter anderem umhüllt von verschiedenen Schokoladen, aber auch in der folgenden Form: man saugt Kern und Fruchfleisch aus der Pflaume, macht aus dem Essbaren Pflaumenmus und spritzt das zurück in die naturgewachsene Hülle. Sehr lecker, aber was für eine Arbeit!

Abseits von Pflaumen gibt es hier auch Äpfel, Birnen, allerlei Nüsse... und ich habe auch französische Kiwis gekauft, allerdings ohne zu wissen, aus welcher Region die stammen. Hunger leiden muss man jedenfalls nicht, denn neben Obst gibt es auch jede Menge leckeren Käse und, wie es sich für Frankreich gehört, Baguette und Blätterteigspezialitäten. Letztere werden übrigens "Viennoiseries" genannt, was sich vom französischen Wort für Wien - Vienne - ableitet. Denn das Croissant wurde anlässlich der erfolgreichen Abwehr der Türken bei einem Belagerungsversuch ebenda erfunden - aber das wussten Ihr sicher schon ;-)

Dass das Essen in Frankreich einen hohen Stellenwert hat, kann ich bestätigen. Fast täglich radele ich an einem Markt vorbei, auf dem allerlei Essbares in unverarbeiteter Form angeboten und natürlich auch gekauft wird. Oft werden diese Märkte an einem zentralen Platz unter einer fest installierten, meist schon sehr alten Überdachung abgehalten. Ich kann mir vorstellen, dass das im Sommer aufgrund von Hitze und Sonnenschein auch nötig ist. Derzeit freu ich mich allerdings noch über die pure Sonne und setze mich gern an den Rand eines Marktes, packe mein Baguette, etwas Käse und das Erdnussmus aus und mache mir ein schönes Mittagsmahl. Fast immer bekomme ich dann freundliche "Bon appetit!"-Zurufe von den Passanten, woraufhin ich mich natürlich mit "Merci" bedanke.

Auf dem vorgestrigen Markt in Valence hatte ich Extra-Glück und fand einen Kaffee-Stand, wo die Bohnen noch unvermahlen angeboten wurden. So konnte ich mich mit der Verkäuferin unterhalten, die mir eine gute, starke Arabica-Robusta-Mischung für eine Mokkazubereitung auf italienische Weise (kleines Kännchen auf der Herdplatte) vermahlte. Man will ja gewappnet sein, wenn der Couchsurfing-Gastgeber mal keinen Kaffee da hat :-)

Die Kaffee-Dame war ebenso wie viele andere Leute recht aufgeschlossen und hat die Top 3 der mir begegnenden französischen Phrasen verwendet:
  • "Vous êtes toute seule?" (Sind sie ganz alleine [unterwegs]?)
  • "Vous êtes courageuse!" (Das ist mutig!)
  • "Bonne route!" (Gute Reise!)... manchmal kommt stattdessen "Bon courage!" (Guten Mut!)
Tatsächlich sieht man momentan nicht soo viele Radwanderer, schon gar nicht abseits des Canal du Midi. Es gibt relativ viele Rennradfahrer und die grüßen auch immer ganz freudig, aber dennoch scheint mir das Radfahren hier noch nicht so beliebt zu sein wie in Deutschland. Ich merke das daran, dass Autos und LKWs oft in einem recht geringen Abstand überholen, sodass ich inzwischen gern mal ein wenig hin- und hertorkele, wenn ich ein Fahrzeug hinter mir höre. Außerdem trage ich ganz brav eine gelbe Warnweste, die ich aber in der Stadt möglichst schnell ausziehe. Und einen flatternden Rock über der Radhose, um ein bisschen mädchen- und damit beschützenswerter auszusehen ;-)

Bisher habe ich außerhalb der Stadt nur zwei Frauen - gemeinsam - auf Fahrrädern gesehen, und das war kurz vor Agen am Canal du Midi. Aber ich denke, dass ist auch eine Frage der Saison. Momentan ist ja noch kalendarischer Winter und für die Leute hier ist es wahrscheinlich noch kalt. Ich dagegen habe mir bereits schon den ersten Sonnenbrand auf den Schultern und auf dem linken Ohr eingeholt. Leider lässt sich letzteres während der Fahr schlecht bedecken, wenn ich nicht schwitzen will...

Zurück zu den "normalen" Leuten, also denen ohne Fahrrad: die sind, wie überall, bunt gemischt und nicht über einen Kamm zu scheren. Die meisten sind natürlich Franzosen und sprechen als solche vor allem französisch, was mir sehr hilft, meine Sprachfähigkeiten zu erweitern. Ich habe immer noch Probleme, den Unterschied zwischen "vent" (Wind) und "vin" (Wein) verständlich auszusprechen, was als radfahrende und guten Getränken nicht abgeneigte Person nicht immer leicht ist. Aber abgesehen davon komme ich gut zurecht und die Gesprächspartner sind oft geduldig in Bezug auf Sprechgeschwindigkeit und Wiederholungsbedarf des soeben gesagten. Kurzum: von Tag zu Tag geht es (sprachlich) bergauf und ich hoffe, in wenigen Wochen doch etwas schneller und unkomplizierter kommunizieren zu können. Wobei ich mein deutsches Sprechtempo ehrlich gesagt gar nicht erreichen will! ;-)

Auch die Nicht-Franzosen, und davon gibt es hier vor allem Marrokaner und andere Nord- bzw Zentralafrikaner, sprechen natürlich französisch und sind einer radfahrenden Touristin gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich habe gelernt, dass es da zwei verschiedene Gruppen gibt: die Pieds-Noir ("Schwarze Füße") sind Franzosen, die einige Generationen in Afrika gelebt haben und aufgrund der dortigen politischen Verhältnisse zurück in ihr Heimatland gezogen sind. Ähnlich den deutschen Spätaussiedlern, nur eben mit erhaltenen französischen Sprachkenntnissen plus in Afrika erworbenen Dialekt. Die "Maghrebins" dagegen kommen ursprünglich aus Nordafrika und meist nur zum Arbeiten nach Frankreich gezogen. Einige davon bleiben hier und gründen Familien (bzw. holen diese nach), andere gehen zur Rente wieder zurück. Und hier kommt eine bizarre französische Regelung ins Spiel: wenn ein Nordafrikaner nach abgeleisteter Arbeitszeit wieder in seinem Heimatland lebt, bekommt er eine kleinere Rente als bei einem Wohnsitz in Frankreich. Das führt natürlich dazu, dass einige Maghrebins sich Häuser in Südfrankreich kaufen, die dann als Briefkastenadresse funktionieren. Einer meiner Gastgeber wohnte im Obergeschoss einer solchen Wohnstätte...

Alle Bevölkerungsgruppen - ob Franzosen, Pieds-Noir, Maghrebins oder noch andere - haben hier unten im Süden derzeit mit einer relativ hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen, in einigen Städten bis zu 25%. Damit einhergehend ist leider eine starke Wählerschaft der rechtsgerichteten Front National, von der auch ich schon ein Wahlwerbezettel in den Händen hielt. "Bevorzugung nationaler Interessen bei der Vergabe von Sozialgeldern", "Unsere Wurzeln erhalten",... das alte Spiel! Nun ist mir das als Ostdeutsche nicht gerade unbekannt und ich muss sagen, man merkt es (als Deutsche?) gottseidank im Alltag nicht. Mir begegnen vor allem freundliche, hilfreiche, meiner Reise gegenüber aufgeschlossene Menschen.

Nicht ganz so freundlich ist die Landschaft, durch die ich zuletzt gerollt bin: kurz hinter Nerac begann ein recht großer Wald, der gar nicht mehr richtig enden wollte. Zuerst fühlte ich mich noch ein wenig wie in Brandenburg und freute mich über die Fichten Kiefern am Straßenrand, doch schon bald war es eher ein leicht trauriges Gefühl ob der ganzen abgeholzten Waldstücke im platten Land. Hier wird ernsthaft Forstwirtschaft betrieben und solch lange, öde Strecken ohne jegliche Abwechslung in Form von Feldern oder Wiesen habe ich lange nicht mehr gesehen. Vielleicht in den USA, aber das ist schon eine Weile her... im Gegensatz zum schwedischen Wald ist der Boden hier eben nicht mit Moos besetzt, sondern von vertrockneten Farnen geprägt. Dazu kommt, dass die Anwohner hier gerade ihre Laubreste verbrennen, so dass häufig ein Brandgeruch in der Luft liegt. Das ist schon bizarr!

Dafür habe ich heute mittag eine wunderbare Dorfbäckerei im Nirgendwo gefunden, wo ich die wohl beste Rosinenschnecke meiner bisherigen Frankreichfahrten erstanden habe. Die Boulangerie-Patisserie war am Wegesrand lediglich mit einem kleinen Schild ausgewiesen, an der Tür des Gebäudes gab es gar keinen Hinweis. Als ich die Tür öffnete, erblickte ich das Klischee einer alten Bäckereiauslage und es bediente mich tatsächlich eine kleine, grauhaarige Dame, die das hiesiege Rentenalter (60) sicherlich schon weit überschritten hatte. Das Rosinenteilchen habe ich dann auf dem umgestoßenen Mühlstein direkt vor der Bäckerei vertilgt, den Hühnern beim Scharren zugesehen und versucht, die Uhu-Rufe von anderen Vogelstimmen zu unterscheiden. Die Dorfidylle wurde irgendwann von einem Fahrzeugbrummen unterbrochen, weil ein junger Mann "mal schnell" ein Baguette holen wollte. Naja, ich musste ja eh weiter radeln...

So weit, so gut - sollten Euch gewisse Aspekte meiner Reise noch stärker interessieren: einfach fragen!
Ich mache mich mal wieder auf den Weg nach Podensac :-)

"Il y a quelques côtes"

Da mein linkes Knie und meine rechte Achillessehne mich daran erinnert haben, Sattelhöhe und Abstand zum Lenker zu adjustieren, wollte ich gestern nicht so viele Kilometer schrubben und habe mir eine "kleine" Runde von 43km bis nach Agen ausgesucht. Der gesamte Weg liegt am Canal du Midi, ist also abgesehen von den Auf und Abs an Schleusen seeeehr flach und in diesem Teil des Landes auch komplett alsphaltiert. Mir sind gestern wirklich viele Rennradler und auch einige Pilgerwanderer (Moissac ist einer der bedeutendsten Haltepunkte des französischen Jakobsweges) begegnet, und auch eine Dreiergruppe randwandernder Franzosen. Allerdings waren die so langsam, dass ich meine anfängliche Idee, zusammen mit ihnen nach Agen zu fahren, wieder verdrängt habe.

Leider fand sich bis zum Vorabend noch keinen Gastgeber, also habe ich die Couchsurfing-Profile nicht mehr sooo detailliert durchgelesen und stattdessen zwei kurzfristige Anfragen gestellt. Die erste mögliche Gastgeberin wollte abends ins Theater und empfahl mir, es bei jemand anderen zu probieren. Und siehe da, es fand sich ein sehr nettes, ebenfalls fahrradaffines Pärchen aus Laplume, ca. 15km südlich von Agen. In meiner Nachricht an die Gastgeberin schrieb ich, dass ich ein kleines Fußproblem hab und sie antwortete "Mais il y a quelques côtes" - was ich sinngemäß mit "Aber hier gibt's ein paar Hügel" übersetzte. Man muss es ja nicht zu genau nehmen, schlimmer als mein Arbeitsweg in Tübingen kann's nicht werden. War's auch nicht - aber etwa ebenso steil und das für gefühlte zehn statt zwei Kilometer. Mit Gepäck, versteht sich ;-)

Die Anfahrt hierher hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn ehrlich gesagt wurde es auf dem Canal du Midi mit der Zeit ziemlich langweilig. Außer natürlich in Stadtnähe, wo die Frühlingssonne die Leute zum Spazierengehen rausgelockt hatte und ich einen Beinahe-Unfall durch Zuleisefahren verursacht habe. Erinnert mich ein bisschen an den Elberadweg... und nein, hier möchte ich nicht im Sommer radfahren!

Jetzt hab ich also gerade in Laplume, dem höchsten Ort der Umgebung mit toller Aussicht in alle Richtungen, gefrühstückt und wappne mich für die Abfahrt in Richtung Casteljaloux. Dabei geht's vorbei an Nerac, wo Henri IV. gelebt hat. Einen wunderschönen guten Morgen!

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Danke für den Artikel....
Danke für den Artikel. Er trifft m.E. so manchen Nagel...
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