Montag, 9. März 2015

To lose [your heart to a city...]

Leute, ich will gar nicht viel um den heißen Brei herumreden: die Stadt ist der Wahnsinn! Wenn ich nicht bereits an Dresden versprochen wäre, würde ich mir ernsthaft überlegen, hierher zurückzukehren.

Mein erster Eindruck trügte nicht wirklich, die Stadt wimmelt vor Technikern - so bin ich vorgestern auch zwei Stunden mit einem französischen Flugzeugingenieur über Brücken gelaufen, habe mich mit ihm über Improtheater unterhalten und dabei einen Musikladen gesucht. Aber nicht nur das, die Stadt ist auch noch wunderschön, wenn man es erst einmal zur Garonne geschafft hat. Ich kann kaum glauben, dass ich diesen Fluss und seine Brücken am ersten Tag nicht gesehen habe!

Päuschen an der Garonne

Durch eine tollen Zufall habe ich am zweiten Tag (=gestern) einen Musiker kennengelernt, der das Instrument besitzt, über das ich seit ein paar Wochen als Reiseinstrument nachgedacht habe: das Chalumeau. Zuerst haben wir nur kurz darüber geredet und er hat mir eine mögliche Quelle - den Musikladen, den ich später mit dem Ingenieur gesucht habe - genannt. Dann trennten sich unsere Wege und trafen sich vor St. Sernin, der romanischen Kirche wieder. Nach einem weiteren Schwatz lud er mich zum Musizieren abends zu Freunden ein... und letztendlich wurden daraus ein langer Abend und ein total schöner gestriger Tag mit Spielplatzerkundungen, weiteren Musikeinlagen und selbstgemachter Pizza. Wenn ich nicht erst am Anfang meiner Tour wäre, würde ich bleiben.

Straßenmusik in Toulouse

Nun sitze ich aber auf gepackten Taschen, verabschiede mich gleich von meiner Gastfamilie und schwinge mich aufs Rad in Richtung Moissac. Bis bald!

Fliegendes Fahrrad

Samstag, 7. März 2015

To lose [weight] ;-)

Sagen wir mal so: ich lass es langsam angehen.

Die ersten zwei Etappen, jeweils so 65-70km mit Gegenwind sowie schönem Auf und Ab sind geschafft, da darf man es sich schonmal etwas gemütlich machen! Erst recht, wenn man bei einer supernetten Familie in einem ebenfalls ziemlich nettem Haus in 10-Minuten-Laufentfernung zur Altstadt von Toulouse untergekommen ist. Und sich auch noch wirklich gut mit den Gastgebern versteht. Da geht man dann eben erst halb zwei ins Bett, trägt dann am nächsten Tag das Insider-Stadtführer-Büchlein mit sich herum und braucht etwa zehnmal soviel Zeit zum Stadterkunden als Ottonormaltourist. Ich habe es noch nichtmal zum Fluss Garonne geschafft...

Mein erster Eindruck von dieser Stadt war, naja, ähnlich platt wie sie sich am Ortseingang eben präsentiert. Ich bin von Osten her über eine Art Bundesstraße eingeradelt und habe dann eine Abkürzung durch ein Gewerbeviertel gemacht, dass von Autohäusern wie Porsche und BMW dominiert wurde. Das passte ganz gut zum Klischee der Airbus-und-damit-Ingenieursstadt, als welches Toulouse bekannt ist. Somit erwartete ich insgeheim auch ein zweites kleines Stuttgart, was sich aufgrund unterschiedlicher Landschaftsform aber überhaupt nicht bestätigen lässt. Toulouse ist, bis auf wenige Ausnahmen, platt wie 'ne Flunder. Die wenigen Ausnahmen ergeben jedenfalls keine Hänge zum Bauen von Belvederes.

Durch die anstiegslosen Straßen bin ich vor zwei Tagen recht zügig ins Zentrum gerollt und habe mir dort erst mal einen McDonalds-Kaffee gegönnt, um das freie WLAN zum Emailschecken und Wegplanen bis zur Unterkunft zu nutzen. Wo ich gerade saß, rief ich auch gleich noch meinen Onkel an und gratulierte auf zum Geburtstag - prompt sprach mich der Mann mittleren Alters neben mir auf deutsch an. Wir kamen recht schnell ins Gespräch und - ich hatte richtig geraten - er war für Airbus gerade auf Geschäftsreise. Nachdem ich ihm meinen Reiseplan erzählt hatte, gab er mir noch Reisetipps in den Indian Summer... wenn ich mal wieder unterwegs bin ;-)

Der Weg zur Unterkunft führte mich auf die Nordseite des Canal du Midi durch ein nettes Viertel mit vielen kleinen Häusern, wo ich nun ein Gästezimmer bewohne und mich gar nicht genug freuen kann, dass ich soviel Glück habe. Diese Herberge ist nämlich durch den guten alten Freund Weitersagen entstanden - mein erster Gastgeber aus Montpeller hat eine Schwester in Toulouse und die ist die beste Freundin der deutschen Fahrradfahrerin, in deren Familie ich gerade wohne. So rede ich hier doch recht viel deutsch, aber kann zugleich viele Fragen stellen, die ich auf französisch vielleicht noch gar nicht ausformulieren könnte. Zudem spricht die vierjährige Tochter des Hauses ein wunderbares Mischmasch aus beiden Sprachen.

Und wie ist nun Toulouse? Das muss ich heute nochmal genauer rausfinden. Bei meinem Spaziergang gestern fand ich sie zunächst etwas laut, recht lebendig auf den Straßen, so wie ich es mag "industriechic" (vorrangig rote Backsteinbauten und hier und da ein paar Kastenhäuser), leider nicht ganz billig... zumindest waren die Patisserie- und Flohmarktpreise über dem Dresden-Niveau. Da ich mich ganz und gar treiben lassen habe, ohne jegliche Ahnung über den Aufbau der Stadt, habe ich den Place de la Capitole im strahlenden Sonnenlicht erst kurz vor sechs erreicht und war dann ehrlich begeistert von der Großstadtstimmung, die dieser Ort verströmt. Noch begeisterter war ich von den Bildern in den verschiedenen Sälen des Rathauses, wo man theoretisch auch heiraten könnte (was ich lieber nicht tun würde, denn ich will ja nicht, dass meine Gäste durch die Kunst von der Zeremonie abgelenkt werden). Und das Klischee der Ingenieursstadt hat sich am Capitole auch noch einmal in Form eines jungen Mannes gezeigt, der neben mir Wahrscheinlichkeitstheoretisches zu Papier brachte.

Auf dem Rückweg "nach Hause" habe ich dann gestern auch noch einmal Mädchen gespielt und mich, passend zur backsteinfarbenen Stadt, mit neuen roten Schuhen ausgestattet. Die stiefelte ich dann stolz wie eine Schneekönigin nach Hause und werde sie heute zusammen mit meinem viel zu großen Handtuch, der Computermaus und noch ein paar anderen überflüssigen Sachen auf die Reise nach Deutschland schicken. Insofern dient die Pause in Tolouse tatsächlich der Fahrradsache: Gewicht verlieren, damit ich schneller vorankomme!

Morgen geht's weiter nach Moissac, dann über Agens, vermutlich Cadillac und Casteljaloux in Richtung Bordeaux... ich bin gespannt, was ich dort so sehe! Bis dahin schaut Euch gern mal die Fotos hier an. Ein Vorgeschmack:

Marzipancroissant

Donnerstag, 5. März 2015

In Windeseile gedichtet

Flatterwind oh Flatterwind,
Du weißt, ich bin ein Schnatterkind!
Wenn ich so auf dem Rade bin
Da plapper ich gern vor mich hin.

Dem Fahrrad tut es gar nicht weh
When I talk English ou français
Manchmal sogar im Schwedenstil
Weil niemand mit mir reden will ;-)

Ich sage großartige Dinge
Wenn ich mich auf den Sattel schwinge!
Und finde dazu Melodeien
Die sich in Deine Töne reihen.

Ach Flatterwind, auf Deine Weise
Machst Du mich abends ziemlich leise...

Liebe Grüße aus Toulouse!

Frühstück!

Ich muss doch gleichmal meine Bildhochladefähigkeiten einsetzen:
Petit dejeuner

Ihr seht Kaffee (diesmal aus einer "normalen" Filtermaschine, es gab aber auch schon Mokka und Drückmichnachuntenkaffee), Milch (diesmal konventionell, gab's aber auch schon in bio) und die lokale Blätterteigspezialität "Pompets" (viel besser als Prasselkuchen, obwohl der auch nicht zu verachten ist). Die Reste von letzterem gehen mit auf die heutige Etappe nach Toulouse - ich liebe Couchsurfing!

Mittwoch, 4. März 2015

Endlich!

Nach diversen Startschwierigkeiten hab ich es heute endlich geschafft und meine erste "echte" Etappe - von ein paar Kilometern im Raum Montpellier, der Stadtrundfahrt in Béziers und einer kurzen Runde durch die Cité Carcassonne abgesehen - absolviert.

GoogleMaps sagt, es waren 60km von Verzeille bis Revels. Ich sage, es waren mit dem Umwegen (Kaffeepause und Baumfäll-Sperrung am Canal du Midi) eher 65 bis 70km. Der Wind sagt, es war ihm egal und er bläst mich trotzdem lieber von vorne an. Es ist wie es ist, sagt die Liebe :-)

Da es schon spät ist, hier erstmal nur im Telegrammstil:
* Regen bis Carcassonne! Ist mir (Regen-)Jacke wie Hose wie (ebenso Regen-)Gamasche - ich bin gut ausgerüstet.
* In Carcassonne erstmal Laune auffrischen, Texte schreiben und Kaffee tanken, um die Gedanken an den Regen zu vertreiben... hat gereicht, um ihn selbst auch bis zum Abend fortzuschicken.
* Matschepampentrasse am Canal du Midi - wer zum Teufel propagiert eigentlich solche Wege als Radreiseerlebnis? Bloß, weil ein Weg flach und am Wasser ist, ist er deswegen nicht radtauglich oder gar schön. Der Spreeradweg gefällt mir besser!
Matschiger Radweg am Canal du Midi
* Bergauf, bergauf bis zur Bücherstadt Montolieu. Mit dem Wind, von dem die Schilder am Straßenrand zu erzählen wissen "Vent de l'est, vent du ouest. (Ostwind, Westwind.)" - Wie jetzt? Ich dachte, "wenn der Wind nicht weiß wohin, weht er über Budissin"?
Montolieu
* Weiter bergauf. Und bergaufer. Und noch ein kleines Stück bergauf. Und dann: krasse Aussicht! Die gute Fee aus Seissac, die mir Kaffee und Gesellschaft bei sich zuhause gespendet hat - das einzige Café-Restaurant war geschlossen - meinte, an guten Tagen kann man bis in die Pyrenäen schauen.
Ausblick von Seissac
* Nochmal ein Stückchen bergauf. Sonnenuntergangsstimmung beim letzten Stück Baguette, und immer noch 15 km vor mir. Leichtes Muffensausen.
* Und dann: Ende des Aufstiegs, Anfang der Abfahrt. 13 km purer Radelspaß mit Fahrtwind, der den vorherigen Gegenwind in Vergessenheit geraten ließ. Glitzernde Lichter in der Ferne, später dann auch aus der Nähe.
* Kaum in Revels eingerollt, hält ein Auto neben mir und der Fahrer fragt mich "T'es Maria (Bist Du Maria)?". Mein Couchsurfing-Gastgeber ist soeben aus Barcelona eingekehrt und eskortiert mich zu sich nach Hause.
* Lecker Abendessen: Scharfe Gemüsesuppe, selbstgemachte Linsen (für mich ohne Würstchen), Käse und zum Abschluss Pumpets, eine lokale Blätterteigspezialität, gefüllt mit Äpfeln. Und das erste Mal auf dieser Reise trinke ich Wein. Bin ja wieder gesund ;-)

Und nun: ab ins Bett, um Fotos und weitere Reiseberichte kümmer ich mich später!

Dienstag, 3. März 2015

Balkongedanken aus Béziers

Die Sonne scheint mir ins Gesicht
Sie blendet mich, ich seh sie nicht.

Geräusche sanft verteilt im Ort
Ein Auto hier, paar Stimmen dort
Ein Hundebellen in der Ferne
Ne leise surrende Laterne
Fensterputzen, Flügelschlagen
Taubengurren ...weitersagen?

Bin ganz und gar ohne Verdruss
Dass ich mich hier erholen muss!

DER Balkon

Heute morgen beim Auskurieren der letzten Ausläufer meiner Impfnachwirkungen zusammengeschrieben... nachmittags bin ich dann mit dem Zug nach Carcassonne, hab mir das dortige Weltkulturerbe (à la Festung Königstein) einmal im Schnelldurchlauf angeschaut und nächtige nun 10km südlich in Verzeille. Fühl mich wieder gesund und radele morgen endlich richtig los!

Montag, 2. März 2015

Vom Glück im Unglück

Es scheint ein wenig, als will der Zufall die Statistik der Pleiten, Pech und Pannen nicht auf meine Reisetage gleichverteilen, sondern einfach alles am Anfang ausschütten: zuerst keine Radmitnahme per Bus, dann die Krankheit (ja, ist immer noch da!) und heute morgen auch noch ein Handy, dass trotz nächtlichen Lade-Anschluss an die Steckdose keinen Pieps mehr machen möchte... Gottseidank sind habe ich noch einen (extrem langsamen, aber daher "entschleunigenden") Rechner zur Online-Kommunikation im Gepäck.

Wenn man so will, bin ich für eine "moderne" Reise mit stündlicher Online-Ortsangabe, Foto-Teilhabe und Videobotschaften (wer mag mich schon krächzen hören...) derzeit nicht so gut gerüstet. Aber ehrlich: es ist eigentlich ganz gut so, dass nicht immer alles rund läuft.

Allein der Fakt, dass ich ursprünglich nur eine Nacht in Montpellier bleiben wollte, kann Grund genug gewesen sein, den Unglücks-Zufall in meine Spur zu schicken. Verdammt, ist diese Stadt es wert, mehr als einen Tag zu bleiben! Auch wenn ich recht viel geschlafen habe, so konnte ich doch ein bisschen durch die Straßen bummeln, Croissants essen und Kaffe trinken, ein Museum besuchen und mich tatsächlich per Straßenbahn fast direkt ans Meer bringen lassen. Ein (krankheitsbedingt) langsamer Spaziergang zum Strand mündete in Glücksgefühlen beim Anblick und Hören des Rauschens der Wellen sowie der Gewissheit, dass ich hier jederzeit anhalten und ein paar Tage bleiben kann. Ein kleiner Wehmutshauch - hach, könnte ich das doch mit jemanden teilen! - zog noch hinterher, war aber beim Weiterlesen meines Nixenbuches bald wieder vergessen.

Nach einer weiteren Nacht in der Jugendherberge entschied ich mich heute morgen ein weiteres Mal gesundheitsbedingt, nicht per Rad nach Béziers weiterzufahren. Stattdessen setzte ich mich gemütlich ins Foyer der Unterkunft und versuchte, mein Handy- und Kommunikationsproblem zu lösen. Dabei konnte ich mir gleich die ersten Fotos der letzten Tage angschauen - und schon jetzt schwelge ich in ersten schönen Erinnerungen! Einzig die schnarchende alte Dame im Bett unter mir hätte ich mir und meinen Zimmergenossinnen die letzte Nacht gern erspart.

Die erste Radetappe habe ich nun einfach übersprungen und stattdessen den Regionalexpress nach Béziers genommen, wo ich nun ein weiteres Mal bei einem sehr netten Pärchen - einem italienischen Glaskünstler und einer Malerin - untergekommen bin. Die Zugfahrt war für Luigi mal wieder kostenlos und diesmal gab es sogar Hilfe beim Mit-Fahrrad-Treppensteigen: ein Sicherheitsmann der Bahngesellschaft SNCF schulterte den Tretesel, als ich nur eine einzige Tasche abgenommen hatte. Sein Kollege kommentierte mir gegenüber ironisch: "Ici vous avez un prince charming" - "Hier haben Sie einen Märchenprinzen". Wenn der nächstes Mal statt auf der Schiene auf einem Tourenrad daherkommt, hätte ich nix dagegen ;-)

Morgen früh entscheide ich ein weiteres und hoffentlich letztes Mal, ob ich nun endlich eine längere Etappe radle, noch einen Tag Béziers zu Fuß erkunde oder mich noch einmal von der Eisenbahn mitnehmen lasse. Egal wie und egal welche Hürden mir der Zufall morgen noch zu überspringen gibt, ich bin mir sicher, dass ich auch morgen wieder ein paar Glücksmomente sammeln werde.

An dieser Stelle warne ich gleich vor: sobald ich wieder gesund bin, werdet Ihr nicht mehr soviel von mir hören... bloggen frisst wertvolle Radelzeit. Insofern drückt Euch die Daumen, dass ich morgen noch ein bissl krank bin, damit ich ein paar Fotos hochlade ;-)

Sonntag, 1. März 2015

Planwechsel 2

Es ist jetzt 13:25 Uhr und eigentlich wollte ich gerade im Sattel sitzen und Luigi 60km in Richtung Béziers bewegen. Es ist auch alles gepackt, Reiseproviant besorgt und selbst das Wetter stimmt mit knapp 15°C, leichter Wolkendecke, aber eben Wind- und Regenfreiheit. Und dennoch sitze ich jetzt im Hostel-Aufenthaltsraum und überbrücke Zeit auf dem Sofa...
Schuld ist mein Körper, der nach drei Tagen Ausruhen in Mitfahrgelegenheiten und bei den tollen Gastgebern auf dem Dorf leider immer noch nicht schnupfen- , halsschmerz- und kopfschmerzfrei ist. Gestern abend bin ich extra früh zu Bett, hab noch ein tolles Buch - "Nixenkuss" von Samantha Hunt - angefangen und gehofft, dass ich nach zehn Stunden Schlaf gesundheitlich wieder fit für die Reise bin. Aber als ich heute morgen die ersten Worte mit meiner amerikanischen Zimmergenossin wechseln wollte, kam nur ein Krächzen aus meiner Kehle. Es war also klar, dass ich noch nicht komplett gesund bin.
Ich gebe zu, nicht immer denke ich rein rational. Heute morgen habe ich immer noch ein bisschen gehofft, gegen Mittag radelfertig zu sein. Hab also mit netten Leuten am Frühstückstisch über die Welt und PEGIDA (!) geredet, ausgecheckt und bin mit der Amerikanerin ins Musee Fabre gegangen.
Da auch die Kunst meine Kopfschmerzen nicht beseitigen konnte, bin ich nun zurück in der Herberge und warte darauf, dass entweder ein Couchsurfer sich meldet oder ich um 15:00 Uhr wieder auf ein Zimmer kann (davor wird geputzt). Vielleicht kann ich ja den Abend dazu nutzen, mal per Straßenbahn in Richtung Meer zu fahren, mal sehen.
Gute Besserung an mich selbst!

Samstag, 28. Februar 2015

Autostadt hat Fahrrad satt

Zwar sitze ich nun schon in einem wunderschönen alten Bauernhaus in Murles und bekomme tolle Radfahrtipps von meinen hiesigen Gastgebern (10.000 km von Ostasien bis Frankreich), aber die gestrige Episode kann ich Euch nicht vorenthalten:

Stuttgart Hauptbahnhof, gestern um ca. 9:30 Uhr. Begeistert, dass der SVV meinen Begleiter Luigi kostenlos mitnimmt, steige ich aus der S-Bahn und schiebe den vollbepackten Luigi in Richtung Fahrstuhl. Wir sind die ersten dort und es finden sich auch nur zwei, drei Personen hinter mir ein, sodass sich mein schlechtes Gewissen wegen möglichen Platzmangels im Rahmen hält.

Der Fahrstuhl stoppt, spuckt ein paar Pendler aus und macht Platz für uns Nach-oben-Strebenden. Ich rolle zuerst hinein, versuche Luigi so platzsparend wie möglich zu platzieren und biete den anderen Fahrstuhlgästen an, an den Packtaschen vorbeizugehen und den Freiraum dahinter zu nutzen. Der erste Mann macht davon freudig Gebrauch, der zweite jedoch schiebt sein Köfferchen ziemlich breit zwischen die Wand und mein Fahrrad, sodass dort kein Vorbeikommen mehr ist. Ich weise ihn darauf hin, dass mit einer 90°-Drehung vielleicht noch ein paar Personen mehr in den Fahrstuhl reinpassen könnten. Offensichtlich habe ich damit einen Nerv getroffen...

"Ich liebe ja Fahrradfahrer", sagt der Mann, und ich freue mich erstmal, weil ich die Ironie im Unterton leider nicht verstanden habe. Gleich ging es weiter: er bezahle für unsere Fahrradwege - woraufhin ich entgegnete, dass ich die mit meinen Steuern ebenso zahlen würde. Das hätte ich nicht tun sollen, denn dann drehte er wirklich auf und es sprudelten Vorurteile über Fahrradfahrern aus ihm heraus, die mit dem Öffnen des Fahrstuhls und dem folgenden Satz endeten: "Ohne Auto wären wir heute alle tot."

Leider hab ich bisher noch nicht gelernt, mich bei solchen Dingen zurückzuhalten und habe eben doch noch etwas gesagt: "Ohne Rad gäbe es wohl heute kein Auto". Ach, ich...

Nachdem ich mir noch einen Kaffee und eine ZEIT besorgt hatte, lief ich also mit Luigi durch den Hauptbahnhof, trug ihn und meine Taschen die Treppen hinunter in Richtung U-Bahn und dachte noch ein Weilchen über diesen Autoliebhaber (der ja aber offensichtlich Bahn fuhr!) nach. Wieviele "Kampfradler" haben ihn wohl in den letzten Monaten sein Leben schwer gemacht? Gefällt ihm die grüne Regierung Baden-Württembergs? Und überhaupt, was hat wohl seine Frau im Fahrstuhl und danach gedacht?

Auf meinem Weg zur U-Bahn habe ich noch möglichst vielen Stuttgartern in die Augen geschaut und mich gefragt, was sie wohl just in diesem Moment über mich und mein bepacktes Fahrrad denken würden. Ich sah nicht nur neugierige Blicke, sondern vor allem indifferente... so hat mir auch keine Hilfe beim Tragen angeboten - aber es hat sich mir auch keiner in den Weg gestellt ;-)

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