Dienstag, 17. März 2015

Was ich mag

Ich mag Drahteseljungs und Pferdemädchen,
Gluckenmamas, Adleraugenpapas, aber auch Vogelfreie.
Kaviarkinder und Elefanteneltern,
Eulenomas und Lärchenleute,
Faultierfamilien und Frechdachsfreunde,
Schweineigelschwestern sowieso!

Aber vor allem mag ich:
Tierisch nette Leute!

Gruß aus Cognac, wo ich gestern eine Kostprobe der hiesigen Spezialitäten bei meinem supernetten Couchsurfer probieren durfte! Fotos zum Thema "Tierisch nett" folgen :-)

Esel (?) hinter Drahtzaun
Zwar keine Drahtesel, aber zumindest Eselähnliche hinter Drahtzaun... wer mehr sehen will, darf gern mal bei Flickr vorbeischauen.

Sonntag, 15. März 2015

Bäckerei-Leckereien

Aus aktuellem Anlass berichte ich hier mal von der Vielfalt französischer Backkünste. Ebenso wie in Deutschland haben in Frankreich die kleinen Handwerksbetriebe mit Filialbäckereien und Supermarkt-Brotauslagen zu kämpfen. So bewirbt LIDL auch hier sehr aggressiv sein Angebot:

LIDL bäckt Brot-Märchen

Mir wurde allerdings in Frankreich bisher noch nie Discounter-Brot angeboten. Das "pain quotidien" - unser täglich Brot - kauft man hier traditionell beim Boulanger, dem Bäcker für Brot und Brötchen. So gibt es in fast jedem noch so kleinem Dorf eine Bäckerei, in der man auch Sonntag sein Baguette besorgen kann, Was auch dringend nötig ist, denn Brot wird hier zu jeder Tages- und Nachtzeit gegessen, als Beilage zum Hauptmahl und natürlich auch zum Käse (über den man übrigens auch mehr als einen Artikel schreiben könnte). Dazu gibt es in der Boulangerie auch immer verschiedene Landbrote, Croissants, Rosinenschnecken und mit Schokolade gefüllte Blätterteigteilchen, die je nach Region "Chocolatines" (Süden) oder "Pain au chocolat" (Norden) genannt werden.

Brotauswahl auf dem Wochenmarkt

Doch die französischen Backkünste sind mit Brot und Blätterteig lange noch nicht erschöpft! Dort, wo die Boulangerie aufhört, beginnt die französische Patisserie - gewissenmaßen die Konditorei, nur dass dazu auch schon "einfache" Kuchen gehören. Auch hier wird viel mit Blätterteig gearbeitet, aber ebenso mit Mürbe- (der heißt hier "Sablé" - "sandig") und anderen Teigen. Dazu kommen frische Früchte und tausend Verarbeitungsvariationen von Schokolade, ein Fest für die Sinne!

Patisserie-Werbung in Bordeaux

Eine Bordelaiser Spezialität sind die Canelés: kleine guglhupfförmige Küchlein aus Rührteig, die innen noch feucht und außen knusprig sind. Im Teig wird nur Eigelb verwendet und durch die Zugabe von etwas braunem Rum haben sie auch eine sehr feine alkoholische Note. Das wäre nix für meinen marokkanischen Gastgeber gewesen, der das sofort geschmeckt hätte ;-)

Lecker war's, mein Canelé

Die Canelés werden auch im Supermarkt angeboten - aber ehrlich, die können nicht schmecken! Die Außen-Knusprigkeit eines frischen Küchleins erhält sich nicht über Tage in einer Plastikhülle, ebensowenig wie der Geschmack gleich bleiben würde. Insofern bin ich sehr froh, dass ich gestern beim Durchqueren von Bordeaux noch mal einen Bäckerstand auf dem Sonntagsmarkt vor der Bordelaiser Kathedrale gefunden habe:

Canelés auf dem Markt

Bourgeous Bordeaux

Wenn Toulouse die Arbeiterklasse ist, dann ist Bordeaux das Bürgertum - oder um es sächsischer auszudrücken: Toulouse ist wie Leipzig, Bordeaux wie Dresden... Und nein, das mein ich nicht ernst!

Vorgestern abend bin ich in wechselhafter Wetterlage in die Stadt hineingeradelt, immer rechts entlang der Garonne und mal wieder durch der Stadt vorgelagerte Industriegebiete. Diesmal keine Autohäuser am Straßenrand, sondern kleine Fischerschuppen links, von denen man seine Angel direkt in die Garonne hängen kann. Der Fluss ist hier schon wirklich breit, und heißt nach der Stadt "Gironde". Hier spielen die Gezeiten bereits eine große Rolle und drücken Wasser in die Garonne, sodass es manchmal regelrecht zu Flutwellen kommen kann, auf die sich die Surfer freuen. Ich selbst habe sowas nicht gesehen.

Als ich die erste Brücke zur Flußüberquerung nahm, fuhr gerade ein Schiff aus Richtung Toulouse vorbei, dass normalerweise Teile von Airbus transportiert - die Flugzeugindustrie wirkt sich also durchaus bis hierhin aus, was in Kombination mit dem Wein eine lustige Mischung ergibt. Wobei ich gleich zugeben muss: ich habe bisher nur einmal Bordeaux-Wein probiert, und das war in Toulouse :-)

Nachdem ich mich meiner leuchtendgelben Fahrradbekleidung entledigt und mich stadtfein gemacht hatte (=Helm ab, Haare gerichtet, rote Jacke angezogen) gönnte ich mir erstmal frisches Gebäck in Form von ungarischen Baumstriezeln. Der Bäcker war tatsächlich aus Ungarn und probiert hier seit drei Monaten sein Glück. Bald muss er aus dem Laden wieder raus und ich habe ihm geraten, es auf dem Markt zu versuchen - in Dresden liefen die Dinger auf dem Weihnachtsmarkt jedenfalls super! Hoffentlich findet er einen weg, denn diese Leckereien sollte es häufiger auf der Welt geben!

Bevor ich zu meinem Gastgeber wieder aus der Stadt herausgefahren bin, schlenderte ich also noch ein bisschen durch die Straßen und habe mir Mühe gegeben, nicht zuviel Toulouse in den Straßen zu suchen. Backsteinbauten gibt es hier nämlich gar keine, dafür viele Klassizismus aus weißem Baumaterial, das mit der Zeit mit dunkler Patina überzogen ist. Diese schwarze Hülle ist aber im Gegensatz zum Sandstein-Schwarz keine Korrosion, sondern ein Pilz, der sich außen am Gebäude anlagert. Und da dies den Leuten nicht gefällt, wird seit ein paar Jahren fleißig wieder das Weiß herausgearbeitet. Das sieht man sehr gut an der Kathedrale, die halb-hell, halb-dunkel erscheint.

Da es kurz vor meiner Ankunft geregnet hatte, glänzten die Fußgängerzonen...

Später mehr, jetzt erstmal Frühstück mit dem Gastgeber ;-)
... und nach dem Frühstück bin ich losgefahren, habe uuuuunendlich viele Weinfelder und Chateaus gesehen, die Garonne/Gironde per Boot überquert und sitze jetzt im Pub von Blaye, wo ich auf die nächsten Couchsurfer warte.
Zurück zu Bordeaux:


Während meines ersten Stadtbummels hielt sich das Wetter noch zurück, aber kurz nachdem ich das Zentrum von Pessac - wo mein Gastgeber wohnte - erreicht hatte, fing es wieder richtig an zu regnen. Und so kam es, dass ich ein erstes Mal auf dieser Reise etwas nass geworden bin, denn ich hatte für den letzten Kilometer keine Lust zum Umziehen.

Was ich bei meiner Gastgeberauswahl nicht bedacht hatte: in Bordeaux gibt es ja angeblich ziemlich guten Wein - man sollte hier vielleicht bei jemanden nächtigen, der Alkohol trinkt. Mein marokkanischer Couchsurfer ist herkunfts- und gewissermaßen religionsbedingt Alkohol nämlich nicht gewohnt und hat von meinem mitgebrachten Weißwein nur ein Anstandsschlückchen mitgetrunken. Später hab ich ihm das Konzept "Schorle" nähergebracht, was er glaube ich ganz nett fand ;-) Das hat auch ganz gut zum Salat gepasst, den wir uns zusammengestellt haben.

Neben der freien Unterkunft bekam ich gleich ein paar Bücher über Bordeaux in die Hand gedrückt, mit schönen Bildern von der Stadt bei gutem Wetter. Am nächsten Tag war's immer noch etwas kühl, aber nicht mehr regnerisch und wir machten uns auf den Weg in den botanischen Garten, wo gerade ein Schokoladenfestival stattfand. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie viel Schokolade man für 2€ Eintritt verkosten kann... und was Chocolatiers so alles aus dem schwarzen Gold herstellen! Fakt ist, dass wir an diesem Tag kein Mittagessen brauchten :-)

Nach dem Schoko-Botanik-Ausflug sind wir noch ins "Haus der Ökologie" gegangen und haben uns ein pädagogisches Theaterstück über die Funktionsweise des Ohrs angesehen (und natürlich auch angehört) - so kenne ich jetzt ein paar französische Fachbegriffe mehr und besitze zudem ein weiteres Paar Ohropax. Nach dem Spektakel sind wir zunächst zu zweit, und später ich allein weitergeschlendert...

Auch heute habe ich noch einmal neue Seiten von Bordeaux entdeckt, als ich die Stadt radelnd in Richtung Norden durchstreifte. Dabei kam ich zunächst durch gutbürgerliche Viertel, dann an einem Rummel vorbei, sah am Kai viele Ausflugsboote und einen laaaangen Wochenmarkt, hab meinen kaputten Getränkehalter in einem Fahrradladen auswechseln lassen (Klassiker: "Vous êtes toute seule?") und dann, ganz plötzlich, war ich zurück in Deutschland: in BRANDENBURG! Das liegt übrigens direkt hinter NEW YORK, zumindest auf der Tramway-Strecke B. Die Gegend war sowas von Reinald Grebe, das kann man sich gar nicht vorstellen!

Kurz hinter Brandenburg kommt noch ein Industriegebiet und dann, dann hört Bordeaux einfach auf. Tschüssikowski, nix mehr mit Bürgerlichkeit! Da kommt noch ein wenig Nichts und ein, zwei Kreisverkehre - und voilà, plötzlich ist man im Wein-und-Chateau-Land. Aber dazu später mehr...

Samstag, 14. März 2015

So it goes...

Zwar könnte hier die nächste blumige , oder besser wind-und-wetterige Episode über meine gestrige Fahrradtour von Podensac nach Bordeaux folgen, aber ich möchte lieber etwas in der Zeit springen. So wie der Held vom "Schlachthof 5", von dem ich auch die Titelzeile geklaut habe...

Vielleicht fragen sich einige, warum ich diese Reise hier überhaupt mache. Ich jedenfalls frage mich das immer mal wieder und finde auch ständig neue Antworten darauf. Die gestrige Lektion lautet: "Offener werden", wenn nicht gar "Vorurteile abbauen". Ich schlafe nämlich gerade in Pessac, 8km südlich von Bordeaux, in einer französischen Sozialwohnung bei einem sehr netten Marokkaner, der gerade noch Lieferfahrten macht. Das tut er momentan sieben Tage die Woche, drei Stunden pro Tag und nicht selten in den frühen Morgenstunden. Sieben mal drei macht einundzwanzig, das ist wahrscheinlich der Grund, warum er in den HLM ["Asch el em"] residiert.

Entgegen meiner - durch den Französischunterricht und arte-Beiträgen gewachsenen - Vorurteile ist die Gegend der günstigen Wohnhochhäuser hier überhaupt nicht heruntergekommen, im Gegenteil. Die Wohntürme und Flachbauten erinnern mich eher an sanierte Studentenwohnheime in Dresden (für die Dresdner: an die Wundtstraßen-Hochhäuser). Und mein Gastgeber hat auch mehr Platz, als ich das erwartet hätte, jedenfalls schlaf ich in seinem Arbeitszimmer, in dem sich neben einer Gästematratze auch ein Regal mit Büchern zum Sprachenlernen, über die Programmiersprache Java und über Archäologie finden.

Aber zurück zur Grundfrage: warum mach ich das hier eigentlich?
Dazu muss ich etwas länger ausholen:

Sommer 2000 - erste große Verliebtheit, erste große Fahrradtour. Drei Wochen durch Schweden hinter zwei Jungs hinterherstrampeln, die älter und/oder wesentlich fitter als ich sind. Am Anfang bei jedem Anstieg denken: "Warum mach ich das hier eigentlich?" (erkennt jemand das Muster?). Zwischendurch viel diskutieren, Skat lernen und Pläne schmieden - irgendwann gründen wir eine unabhängige Radiostation! Und gegen Ende der Reise: gar nichts mehr, einfach nur Ruhe im Kopf. Ziemlich ungewöhnlich für eine MuTZ, deren Gedanken sich sonst gern überschlagen. Ein Gefühl, dem ich sonst nur nach langen Saunatagen und fordernden Orchesterproben nahe komme. Ein Gefühl, dem ich mal wieder auf dem Zahn fühlen wollte.

Bereits ein Jahr zuvor: der Wunsch nach der großen Freiheit, ein anderes Land entdecken, am besten weeeeit, weeeit weg. Bewerbungen für ein Stipendium geschrieben und die erste Absage aufgrund zu geringem Alters (ich war noch 15) bekommen. Im Folgejahr wieder probiert, ein paar Bewerbungsrunden durchlaufen, um recht spät die zweite Absage zu kassieren. Mich ziemlich enttäuscht auf die Oberstufe in Deutschland eingestellt, dann aber doch noch einen Finanzierung von meiner Oma zugesichert bekommen (ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich ihr bin!). Und schwupps, nach der Schwedentour 2000 für 10 Monate in die USA zum Lernen geflogen. Dort vor allem gelernt, dass eine andere Sprache und Kultur auch einen anderen Menschen aus einem machen. Plötzlich war ich "cute", im wahrsten Sinne sprachlos und anfangs ziemlich schüchtern...

Nach dem Abi und einem Kurzausflug ins Neu-Berliner Studentenleben gleich nochmal losgezogen, um "in Frankreich zu leben". Der Campingplatz in Saumur war teilweise an meinen Arbeitgeber Eurocamp vermietet, wo vor allem englische und holländische Kunden die bereits vorbereiteten Zelte bezogen. Dort habe ich mehr an meinem amerikanischen Akzent gearbeitet als an der französischen Sprache, geschweigedenn Kultur. Allerdings kenne ich mich seitdem ganz gut mit französischen Lebensmittelketten aus ;-) Ein Angebot, erstmal weiter im Tourismus zu arbeiten, hab ich ausgeschlagen - man sollte doch vernünftig sein, wenn man doch sooo ein gutes Abitur hat... inzwischen hab ich ein gutes Diplom in der Tasche und bin guter Dinge, dass es auf Reisen nicht schaden kann.

2004 bis 2011 - Faust gespielt und studiert, was das Zeug hält. Nebenbei radelnd und laufend die sächsische Landeshauptstadt erkundet, Gästeführerschein gemacht. Reisegedanken gehegt und "vernünftigen" Lebenslauf gepflegt. Praktika bei der Deutschen Bahn und Solarmodulhersteller, Nebenjobs an Uni- und Forschungsinstituten. Ziemlich viel Computer ... eines der Dinge, denen ich hier nur teilweise aus dem Weg gehen will. Während ich radfahre, bleibt das Netbook natürlich aus - in den Pausen und abends schreib ich aber gern mal ein paar Zeilen. Aber dann doch lieber Text als Code!

Zwischendrin: reisen! Kurz, lang, weit, nah - was eben ging und wie's die Freunde mitmachten. 2008 und 2009 auch mal kurz alleine, in Spanien und Norwegen. Damals schon das Couchsurfen schätzen gelernt und sich überlegt, das irgendwann mal wieder zu machen...

Frühling 2014 - letzte große Liebe mit einem lachendem sowie einem weinenden Auge in Dresden zurückgelassen und nochmal den Neustart versucht, mit Aussicht auf eine "Fach- oder Führungskarriere" in einem gemeinnützigen Unternehmen. Geplante Orts- und Abteilungswechsel, überall mal reinschnuppern, das klang eigentlich traumhaft! Zunächst war's auch toll, mal einen neuen Flecken Deutschland zu entdecken und sich ins Schwäbische reinzudenken... dann irgendwann nicht mehr.

Das war der Punkt, wo ich mir eine Pause verordnet habe.

Bis zur Pause hat's noch ein wenig gedauert und ich hab im Dezember 2015 den letzten Job wieder mal mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen. Bin sehr dankbar über die letzten drei Monate, in denen ich tatsächlich nochmal den Duft eines normalen, "der Ausbildung entsprechenden" Arbeitslebens mit tollen Kollegen schnuppern konnte. Und ich fühle mich nach diesen drei Monaten auch sicherer denn je, dass mich mit einem solchen Büroleben auch anfreunden könnte, wenn es denn irgendwann notwendig würde. Ist es aber gerade nicht - und ich habe inzwischen auch eine sehr klare Idee davon, was ich stattdessen machen könnte. Dieser Vorstellung möchte ich auf den Zahn fühlen.

Irgendwo zwischen dieser ersten Fahrradtour und meiner letzten Kündigung ist in meinem Kopf die Idee entstanden, irgendwann "einfach loszugehen". Eigentlich schon viel früher, denn ich hab mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn ich meinen Nachhauseweg in Bautzen nicht bei meinen Eltern beenden, sondern einfach weiterlaufen würde... irgendwann würde ich Prag erreichen und dort Tschechisch lernen. Ich hatte sogar schon einen Plan, wie ich möglichst kostengünstig über die Runden kommen würde: mit Rapsöl und Vitaminbrausetabletten - viel Kalorien für wenig Geld, dazu die notwendigen Ersatzstoffe ;-) Inzwischen würde ich den Speiseplan wohl etwas umfangreicher gestalten...

Das mit dem Loslaufen hat nicht so richtig geklappt und als mir dann plötzlich klar war, das JETZT der richtige Zeitpunkt ist, kamen mir ganz schöne Muffensausen. Wo ist das denn, die große weite Welt, wo will ich denn da hin? Gottseidank hat der Zufall mir noch rechtzeitig eine Hochzeitseinladung in Südostasien geschickt, sodass das Fernziel Malaysia für Mai inzwischen gesetzt ist. Frankreich hat sich dann irgendwie "ergeben", anders kann ich es nicht erklären. Und ich bin ziemlich froh, dass es so gekommen ist.

So it goes...

On the road again

Mittwoch, 11. März 2015

Radeln, wo andere Urlaub machen ;-)

Es wird Zeit, dass ich mal ein wenig über die Gegend hier schreibe - nicht nur über Anstiege und Abfahrten, sondern über die Geschichte, die Leute, die Sprache, das Essen... und da gibt es eine Menge zu erzählen!

Just in diesem Moment sitze ich mit einem Cappuccino im Café de Pays von Nerac, wo ich mich eigentlich gerade im Schloss von Henri IV weiterbilden wollte. Aufgrund einer außerordentlichen Schließung des Museums muss ich stattdessen aber die Sonne genießen und nutze das gleich mal zum Aufschreiben meiner Eindrücke. Das Café hier gehört übrigens einem Belgier, mit dem ich gerade in einer Mischung aus Deutsch, Flämisch und Französisch über die Internetverbindung diskutiert habe. Ein sehr netter Kerl, ebenso wie die marokkanischen Tischnachbarn ;-)

Ich befinde mich nun südlich des großen Flusses Garonne, der von Toulouse aus über Bordeaux bis ins Meer fließt. Gestern habe ich ihn auf einer Fußgängerbrücke in Agen überquert, um in das Dorf in den Hügeln zu kommen und da war die Garonne bereits so breit wie die Elbe in Hamburg. Derzeit gibt es auch ein bisschen Hochwasser und vielleicht täuscht die Breite, aber ich bin sehr beeindruckt davon, dass eine Flußquerung für Nichtmotorisierte geschaffen wurde. In Agens habe ich außerdem noch eine weitere tolle Brücke gefunden, die über den Canal du Midi führte: die Eifel-Brücke in Stahlfachwerkbauweise. Erinnerte mich ein wenig an das Blaue Wunder, nur dass sie eben kleiner und braun war. Und vom Herrn Eifel, das ist ja wohl was!

Agen, das ist eine über 30.000 Einwohner zählende Stadt im Herzen des Départements Tarn-et-Garonne, einer sehr ländlichen Gegend mit unheimlich viel Landwirtschaft. Auf meiner Tour von Toulouse bis Moissac habe ich schon die ersten Obstbauern Bäume schneiden sehen, gestern dann auch viele verschiedene Tiere und heute sogar einen Traktor, der ein Feld - mit was auch immer? - besprenkelt hat. Tatsächlich ist die Gegend hier bekannt als Obstwiese Frankreichs, sehr bedeutend darunter die Pflaume in getrockneter Form. Hab mich heute gleich mal eingedeckt.

Ich speicher schon mal vor. Falls der Akku ausgeht, schreibe ich später weiter...
... der Akku ist auch wie erwartet gestorben und nun - einen Tag später - sitze ich im Café "Caro & Co" im Pilgerstädtchen Bazas, habe gerade die Kathedrale besucht und versuche mal, an den gestrigen Eintrag anzuknüpfen.


Die Trockenpflaumen von Agen, das sind nicht nur einfach getrocknete Früchte. Sie tragen stolz den Namen "Prunes d'Agen" und werden in allerlei Verarbeitung angeboten - unter anderem umhüllt von verschiedenen Schokoladen, aber auch in der folgenden Form: man saugt Kern und Fruchfleisch aus der Pflaume, macht aus dem Essbaren Pflaumenmus und spritzt das zurück in die naturgewachsene Hülle. Sehr lecker, aber was für eine Arbeit!

Abseits von Pflaumen gibt es hier auch Äpfel, Birnen, allerlei Nüsse... und ich habe auch französische Kiwis gekauft, allerdings ohne zu wissen, aus welcher Region die stammen. Hunger leiden muss man jedenfalls nicht, denn neben Obst gibt es auch jede Menge leckeren Käse und, wie es sich für Frankreich gehört, Baguette und Blätterteigspezialitäten. Letztere werden übrigens "Viennoiseries" genannt, was sich vom französischen Wort für Wien - Vienne - ableitet. Denn das Croissant wurde anlässlich der erfolgreichen Abwehr der Türken bei einem Belagerungsversuch ebenda erfunden - aber das wussten Ihr sicher schon ;-)

Dass das Essen in Frankreich einen hohen Stellenwert hat, kann ich bestätigen. Fast täglich radele ich an einem Markt vorbei, auf dem allerlei Essbares in unverarbeiteter Form angeboten und natürlich auch gekauft wird. Oft werden diese Märkte an einem zentralen Platz unter einer fest installierten, meist schon sehr alten Überdachung abgehalten. Ich kann mir vorstellen, dass das im Sommer aufgrund von Hitze und Sonnenschein auch nötig ist. Derzeit freu ich mich allerdings noch über die pure Sonne und setze mich gern an den Rand eines Marktes, packe mein Baguette, etwas Käse und das Erdnussmus aus und mache mir ein schönes Mittagsmahl. Fast immer bekomme ich dann freundliche "Bon appetit!"-Zurufe von den Passanten, woraufhin ich mich natürlich mit "Merci" bedanke.

Auf dem vorgestrigen Markt in Valence hatte ich Extra-Glück und fand einen Kaffee-Stand, wo die Bohnen noch unvermahlen angeboten wurden. So konnte ich mich mit der Verkäuferin unterhalten, die mir eine gute, starke Arabica-Robusta-Mischung für eine Mokkazubereitung auf italienische Weise (kleines Kännchen auf der Herdplatte) vermahlte. Man will ja gewappnet sein, wenn der Couchsurfing-Gastgeber mal keinen Kaffee da hat :-)

Die Kaffee-Dame war ebenso wie viele andere Leute recht aufgeschlossen und hat die Top 3 der mir begegnenden französischen Phrasen verwendet:
  • "Vous êtes toute seule?" (Sind sie ganz alleine [unterwegs]?)
  • "Vous êtes courageuse!" (Das ist mutig!)
  • "Bonne route!" (Gute Reise!)... manchmal kommt stattdessen "Bon courage!" (Guten Mut!)
Tatsächlich sieht man momentan nicht soo viele Radwanderer, schon gar nicht abseits des Canal du Midi. Es gibt relativ viele Rennradfahrer und die grüßen auch immer ganz freudig, aber dennoch scheint mir das Radfahren hier noch nicht so beliebt zu sein wie in Deutschland. Ich merke das daran, dass Autos und LKWs oft in einem recht geringen Abstand überholen, sodass ich inzwischen gern mal ein wenig hin- und hertorkele, wenn ich ein Fahrzeug hinter mir höre. Außerdem trage ich ganz brav eine gelbe Warnweste, die ich aber in der Stadt möglichst schnell ausziehe. Und einen flatternden Rock über der Radhose, um ein bisschen mädchen- und damit beschützenswerter auszusehen ;-)

Bisher habe ich außerhalb der Stadt nur zwei Frauen - gemeinsam - auf Fahrrädern gesehen, und das war kurz vor Agen am Canal du Midi. Aber ich denke, dass ist auch eine Frage der Saison. Momentan ist ja noch kalendarischer Winter und für die Leute hier ist es wahrscheinlich noch kalt. Ich dagegen habe mir bereits schon den ersten Sonnenbrand auf den Schultern und auf dem linken Ohr eingeholt. Leider lässt sich letzteres während der Fahr schlecht bedecken, wenn ich nicht schwitzen will...

Zurück zu den "normalen" Leuten, also denen ohne Fahrrad: die sind, wie überall, bunt gemischt und nicht über einen Kamm zu scheren. Die meisten sind natürlich Franzosen und sprechen als solche vor allem französisch, was mir sehr hilft, meine Sprachfähigkeiten zu erweitern. Ich habe immer noch Probleme, den Unterschied zwischen "vent" (Wind) und "vin" (Wein) verständlich auszusprechen, was als radfahrende und guten Getränken nicht abgeneigte Person nicht immer leicht ist. Aber abgesehen davon komme ich gut zurecht und die Gesprächspartner sind oft geduldig in Bezug auf Sprechgeschwindigkeit und Wiederholungsbedarf des soeben gesagten. Kurzum: von Tag zu Tag geht es (sprachlich) bergauf und ich hoffe, in wenigen Wochen doch etwas schneller und unkomplizierter kommunizieren zu können. Wobei ich mein deutsches Sprechtempo ehrlich gesagt gar nicht erreichen will! ;-)

Auch die Nicht-Franzosen, und davon gibt es hier vor allem Marrokaner und andere Nord- bzw Zentralafrikaner, sprechen natürlich französisch und sind einer radfahrenden Touristin gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich habe gelernt, dass es da zwei verschiedene Gruppen gibt: die Pieds-Noir ("Schwarze Füße") sind Franzosen, die einige Generationen in Afrika gelebt haben und aufgrund der dortigen politischen Verhältnisse zurück in ihr Heimatland gezogen sind. Ähnlich den deutschen Spätaussiedlern, nur eben mit erhaltenen französischen Sprachkenntnissen plus in Afrika erworbenen Dialekt. Die "Maghrebins" dagegen kommen ursprünglich aus Nordafrika und meist nur zum Arbeiten nach Frankreich gezogen. Einige davon bleiben hier und gründen Familien (bzw. holen diese nach), andere gehen zur Rente wieder zurück. Und hier kommt eine bizarre französische Regelung ins Spiel: wenn ein Nordafrikaner nach abgeleisteter Arbeitszeit wieder in seinem Heimatland lebt, bekommt er eine kleinere Rente als bei einem Wohnsitz in Frankreich. Das führt natürlich dazu, dass einige Maghrebins sich Häuser in Südfrankreich kaufen, die dann als Briefkastenadresse funktionieren. Einer meiner Gastgeber wohnte im Obergeschoss einer solchen Wohnstätte...

Alle Bevölkerungsgruppen - ob Franzosen, Pieds-Noir, Maghrebins oder noch andere - haben hier unten im Süden derzeit mit einer relativ hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen, in einigen Städten bis zu 25%. Damit einhergehend ist leider eine starke Wählerschaft der rechtsgerichteten Front National, von der auch ich schon ein Wahlwerbezettel in den Händen hielt. "Bevorzugung nationaler Interessen bei der Vergabe von Sozialgeldern", "Unsere Wurzeln erhalten",... das alte Spiel! Nun ist mir das als Ostdeutsche nicht gerade unbekannt und ich muss sagen, man merkt es (als Deutsche?) gottseidank im Alltag nicht. Mir begegnen vor allem freundliche, hilfreiche, meiner Reise gegenüber aufgeschlossene Menschen.

Nicht ganz so freundlich ist die Landschaft, durch die ich zuletzt gerollt bin: kurz hinter Nerac begann ein recht großer Wald, der gar nicht mehr richtig enden wollte. Zuerst fühlte ich mich noch ein wenig wie in Brandenburg und freute mich über die Fichten Kiefern am Straßenrand, doch schon bald war es eher ein leicht trauriges Gefühl ob der ganzen abgeholzten Waldstücke im platten Land. Hier wird ernsthaft Forstwirtschaft betrieben und solch lange, öde Strecken ohne jegliche Abwechslung in Form von Feldern oder Wiesen habe ich lange nicht mehr gesehen. Vielleicht in den USA, aber das ist schon eine Weile her... im Gegensatz zum schwedischen Wald ist der Boden hier eben nicht mit Moos besetzt, sondern von vertrockneten Farnen geprägt. Dazu kommt, dass die Anwohner hier gerade ihre Laubreste verbrennen, so dass häufig ein Brandgeruch in der Luft liegt. Das ist schon bizarr!

Dafür habe ich heute mittag eine wunderbare Dorfbäckerei im Nirgendwo gefunden, wo ich die wohl beste Rosinenschnecke meiner bisherigen Frankreichfahrten erstanden habe. Die Boulangerie-Patisserie war am Wegesrand lediglich mit einem kleinen Schild ausgewiesen, an der Tür des Gebäudes gab es gar keinen Hinweis. Als ich die Tür öffnete, erblickte ich das Klischee einer alten Bäckereiauslage und es bediente mich tatsächlich eine kleine, grauhaarige Dame, die das hiesiege Rentenalter (60) sicherlich schon weit überschritten hatte. Das Rosinenteilchen habe ich dann auf dem umgestoßenen Mühlstein direkt vor der Bäckerei vertilgt, den Hühnern beim Scharren zugesehen und versucht, die Uhu-Rufe von anderen Vogelstimmen zu unterscheiden. Die Dorfidylle wurde irgendwann von einem Fahrzeugbrummen unterbrochen, weil ein junger Mann "mal schnell" ein Baguette holen wollte. Naja, ich musste ja eh weiter radeln...

So weit, so gut - sollten Euch gewisse Aspekte meiner Reise noch stärker interessieren: einfach fragen!
Ich mache mich mal wieder auf den Weg nach Podensac :-)

"Il y a quelques côtes"

Da mein linkes Knie und meine rechte Achillessehne mich daran erinnert haben, Sattelhöhe und Abstand zum Lenker zu adjustieren, wollte ich gestern nicht so viele Kilometer schrubben und habe mir eine "kleine" Runde von 43km bis nach Agen ausgesucht. Der gesamte Weg liegt am Canal du Midi, ist also abgesehen von den Auf und Abs an Schleusen seeeehr flach und in diesem Teil des Landes auch komplett alsphaltiert. Mir sind gestern wirklich viele Rennradler und auch einige Pilgerwanderer (Moissac ist einer der bedeutendsten Haltepunkte des französischen Jakobsweges) begegnet, und auch eine Dreiergruppe randwandernder Franzosen. Allerdings waren die so langsam, dass ich meine anfängliche Idee, zusammen mit ihnen nach Agen zu fahren, wieder verdrängt habe.

Leider fand sich bis zum Vorabend noch keinen Gastgeber, also habe ich die Couchsurfing-Profile nicht mehr sooo detailliert durchgelesen und stattdessen zwei kurzfristige Anfragen gestellt. Die erste mögliche Gastgeberin wollte abends ins Theater und empfahl mir, es bei jemand anderen zu probieren. Und siehe da, es fand sich ein sehr nettes, ebenfalls fahrradaffines Pärchen aus Laplume, ca. 15km südlich von Agen. In meiner Nachricht an die Gastgeberin schrieb ich, dass ich ein kleines Fußproblem hab und sie antwortete "Mais il y a quelques côtes" - was ich sinngemäß mit "Aber hier gibt's ein paar Hügel" übersetzte. Man muss es ja nicht zu genau nehmen, schlimmer als mein Arbeitsweg in Tübingen kann's nicht werden. War's auch nicht - aber etwa ebenso steil und das für gefühlte zehn statt zwei Kilometer. Mit Gepäck, versteht sich ;-)

Die Anfahrt hierher hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn ehrlich gesagt wurde es auf dem Canal du Midi mit der Zeit ziemlich langweilig. Außer natürlich in Stadtnähe, wo die Frühlingssonne die Leute zum Spazierengehen rausgelockt hatte und ich einen Beinahe-Unfall durch Zuleisefahren verursacht habe. Erinnert mich ein bisschen an den Elberadweg... und nein, hier möchte ich nicht im Sommer radfahren!

Jetzt hab ich also gerade in Laplume, dem höchsten Ort der Umgebung mit toller Aussicht in alle Richtungen, gefrühstückt und wappne mich für die Abfahrt in Richtung Casteljaloux. Dabei geht's vorbei an Nerac, wo Henri IV. gelebt hat. Einen wunderschönen guten Morgen!

Montag, 9. März 2015

To lose [your heart to a city...]

Leute, ich will gar nicht viel um den heißen Brei herumreden: die Stadt ist der Wahnsinn! Wenn ich nicht bereits an Dresden versprochen wäre, würde ich mir ernsthaft überlegen, hierher zurückzukehren.

Mein erster Eindruck trügte nicht wirklich, die Stadt wimmelt vor Technikern - so bin ich vorgestern auch zwei Stunden mit einem französischen Flugzeugingenieur über Brücken gelaufen, habe mich mit ihm über Improtheater unterhalten und dabei einen Musikladen gesucht. Aber nicht nur das, die Stadt ist auch noch wunderschön, wenn man es erst einmal zur Garonne geschafft hat. Ich kann kaum glauben, dass ich diesen Fluss und seine Brücken am ersten Tag nicht gesehen habe!

Päuschen an der Garonne

Durch eine tollen Zufall habe ich am zweiten Tag (=gestern) einen Musiker kennengelernt, der das Instrument besitzt, über das ich seit ein paar Wochen als Reiseinstrument nachgedacht habe: das Chalumeau. Zuerst haben wir nur kurz darüber geredet und er hat mir eine mögliche Quelle - den Musikladen, den ich später mit dem Ingenieur gesucht habe - genannt. Dann trennten sich unsere Wege und trafen sich vor St. Sernin, der romanischen Kirche wieder. Nach einem weiteren Schwatz lud er mich zum Musizieren abends zu Freunden ein... und letztendlich wurden daraus ein langer Abend und ein total schöner gestriger Tag mit Spielplatzerkundungen, weiteren Musikeinlagen und selbstgemachter Pizza. Wenn ich nicht erst am Anfang meiner Tour wäre, würde ich bleiben.

Straßenmusik in Toulouse

Nun sitze ich aber auf gepackten Taschen, verabschiede mich gleich von meiner Gastfamilie und schwinge mich aufs Rad in Richtung Moissac. Bis bald!

Fliegendes Fahrrad

Samstag, 7. März 2015

To lose [weight] ;-)

Sagen wir mal so: ich lass es langsam angehen.

Die ersten zwei Etappen, jeweils so 65-70km mit Gegenwind sowie schönem Auf und Ab sind geschafft, da darf man es sich schonmal etwas gemütlich machen! Erst recht, wenn man bei einer supernetten Familie in einem ebenfalls ziemlich nettem Haus in 10-Minuten-Laufentfernung zur Altstadt von Toulouse untergekommen ist. Und sich auch noch wirklich gut mit den Gastgebern versteht. Da geht man dann eben erst halb zwei ins Bett, trägt dann am nächsten Tag das Insider-Stadtführer-Büchlein mit sich herum und braucht etwa zehnmal soviel Zeit zum Stadterkunden als Ottonormaltourist. Ich habe es noch nichtmal zum Fluss Garonne geschafft...

Mein erster Eindruck von dieser Stadt war, naja, ähnlich platt wie sie sich am Ortseingang eben präsentiert. Ich bin von Osten her über eine Art Bundesstraße eingeradelt und habe dann eine Abkürzung durch ein Gewerbeviertel gemacht, dass von Autohäusern wie Porsche und BMW dominiert wurde. Das passte ganz gut zum Klischee der Airbus-und-damit-Ingenieursstadt, als welches Toulouse bekannt ist. Somit erwartete ich insgeheim auch ein zweites kleines Stuttgart, was sich aufgrund unterschiedlicher Landschaftsform aber überhaupt nicht bestätigen lässt. Toulouse ist, bis auf wenige Ausnahmen, platt wie 'ne Flunder. Die wenigen Ausnahmen ergeben jedenfalls keine Hänge zum Bauen von Belvederes.

Durch die anstiegslosen Straßen bin ich vor zwei Tagen recht zügig ins Zentrum gerollt und habe mir dort erst mal einen McDonalds-Kaffee gegönnt, um das freie WLAN zum Emailschecken und Wegplanen bis zur Unterkunft zu nutzen. Wo ich gerade saß, rief ich auch gleich noch meinen Onkel an und gratulierte auf zum Geburtstag - prompt sprach mich der Mann mittleren Alters neben mir auf deutsch an. Wir kamen recht schnell ins Gespräch und - ich hatte richtig geraten - er war für Airbus gerade auf Geschäftsreise. Nachdem ich ihm meinen Reiseplan erzählt hatte, gab er mir noch Reisetipps in den Indian Summer... wenn ich mal wieder unterwegs bin ;-)

Der Weg zur Unterkunft führte mich auf die Nordseite des Canal du Midi durch ein nettes Viertel mit vielen kleinen Häusern, wo ich nun ein Gästezimmer bewohne und mich gar nicht genug freuen kann, dass ich soviel Glück habe. Diese Herberge ist nämlich durch den guten alten Freund Weitersagen entstanden - mein erster Gastgeber aus Montpeller hat eine Schwester in Toulouse und die ist die beste Freundin der deutschen Fahrradfahrerin, in deren Familie ich gerade wohne. So rede ich hier doch recht viel deutsch, aber kann zugleich viele Fragen stellen, die ich auf französisch vielleicht noch gar nicht ausformulieren könnte. Zudem spricht die vierjährige Tochter des Hauses ein wunderbares Mischmasch aus beiden Sprachen.

Und wie ist nun Toulouse? Das muss ich heute nochmal genauer rausfinden. Bei meinem Spaziergang gestern fand ich sie zunächst etwas laut, recht lebendig auf den Straßen, so wie ich es mag "industriechic" (vorrangig rote Backsteinbauten und hier und da ein paar Kastenhäuser), leider nicht ganz billig... zumindest waren die Patisserie- und Flohmarktpreise über dem Dresden-Niveau. Da ich mich ganz und gar treiben lassen habe, ohne jegliche Ahnung über den Aufbau der Stadt, habe ich den Place de la Capitole im strahlenden Sonnenlicht erst kurz vor sechs erreicht und war dann ehrlich begeistert von der Großstadtstimmung, die dieser Ort verströmt. Noch begeisterter war ich von den Bildern in den verschiedenen Sälen des Rathauses, wo man theoretisch auch heiraten könnte (was ich lieber nicht tun würde, denn ich will ja nicht, dass meine Gäste durch die Kunst von der Zeremonie abgelenkt werden). Und das Klischee der Ingenieursstadt hat sich am Capitole auch noch einmal in Form eines jungen Mannes gezeigt, der neben mir Wahrscheinlichkeitstheoretisches zu Papier brachte.

Auf dem Rückweg "nach Hause" habe ich dann gestern auch noch einmal Mädchen gespielt und mich, passend zur backsteinfarbenen Stadt, mit neuen roten Schuhen ausgestattet. Die stiefelte ich dann stolz wie eine Schneekönigin nach Hause und werde sie heute zusammen mit meinem viel zu großen Handtuch, der Computermaus und noch ein paar anderen überflüssigen Sachen auf die Reise nach Deutschland schicken. Insofern dient die Pause in Tolouse tatsächlich der Fahrradsache: Gewicht verlieren, damit ich schneller vorankomme!

Morgen geht's weiter nach Moissac, dann über Agens, vermutlich Cadillac und Casteljaloux in Richtung Bordeaux... ich bin gespannt, was ich dort so sehe! Bis dahin schaut Euch gern mal die Fotos hier an. Ein Vorgeschmack:

Marzipancroissant

Donnerstag, 5. März 2015

In Windeseile gedichtet

Flatterwind oh Flatterwind,
Du weißt, ich bin ein Schnatterkind!
Wenn ich so auf dem Rade bin
Da plapper ich gern vor mich hin.

Dem Fahrrad tut es gar nicht weh
When I talk English ou français
Manchmal sogar im Schwedenstil
Weil niemand mit mir reden will ;-)

Ich sage großartige Dinge
Wenn ich mich auf den Sattel schwinge!
Und finde dazu Melodeien
Die sich in Deine Töne reihen.

Ach Flatterwind, auf Deine Weise
Machst Du mich abends ziemlich leise...

Liebe Grüße aus Toulouse!

Frühstück!

Ich muss doch gleichmal meine Bildhochladefähigkeiten einsetzen:
Petit dejeuner

Ihr seht Kaffee (diesmal aus einer "normalen" Filtermaschine, es gab aber auch schon Mokka und Drückmichnachuntenkaffee), Milch (diesmal konventionell, gab's aber auch schon in bio) und die lokale Blätterteigspezialität "Pompets" (viel besser als Prasselkuchen, obwohl der auch nicht zu verachten ist). Die Reste von letzterem gehen mit auf die heutige Etappe nach Toulouse - ich liebe Couchsurfing!

Mittwoch, 4. März 2015

Endlich!

Nach diversen Startschwierigkeiten hab ich es heute endlich geschafft und meine erste "echte" Etappe - von ein paar Kilometern im Raum Montpellier, der Stadtrundfahrt in Béziers und einer kurzen Runde durch die Cité Carcassonne abgesehen - absolviert.

GoogleMaps sagt, es waren 60km von Verzeille bis Revels. Ich sage, es waren mit dem Umwegen (Kaffeepause und Baumfäll-Sperrung am Canal du Midi) eher 65 bis 70km. Der Wind sagt, es war ihm egal und er bläst mich trotzdem lieber von vorne an. Es ist wie es ist, sagt die Liebe :-)

Da es schon spät ist, hier erstmal nur im Telegrammstil:
* Regen bis Carcassonne! Ist mir (Regen-)Jacke wie Hose wie (ebenso Regen-)Gamasche - ich bin gut ausgerüstet.
* In Carcassonne erstmal Laune auffrischen, Texte schreiben und Kaffee tanken, um die Gedanken an den Regen zu vertreiben... hat gereicht, um ihn selbst auch bis zum Abend fortzuschicken.
* Matschepampentrasse am Canal du Midi - wer zum Teufel propagiert eigentlich solche Wege als Radreiseerlebnis? Bloß, weil ein Weg flach und am Wasser ist, ist er deswegen nicht radtauglich oder gar schön. Der Spreeradweg gefällt mir besser!
Matschiger Radweg am Canal du Midi
* Bergauf, bergauf bis zur Bücherstadt Montolieu. Mit dem Wind, von dem die Schilder am Straßenrand zu erzählen wissen "Vent de l'est, vent du ouest. (Ostwind, Westwind.)" - Wie jetzt? Ich dachte, "wenn der Wind nicht weiß wohin, weht er über Budissin"?
Montolieu
* Weiter bergauf. Und bergaufer. Und noch ein kleines Stück bergauf. Und dann: krasse Aussicht! Die gute Fee aus Seissac, die mir Kaffee und Gesellschaft bei sich zuhause gespendet hat - das einzige Café-Restaurant war geschlossen - meinte, an guten Tagen kann man bis in die Pyrenäen schauen.
Ausblick von Seissac
* Nochmal ein Stückchen bergauf. Sonnenuntergangsstimmung beim letzten Stück Baguette, und immer noch 15 km vor mir. Leichtes Muffensausen.
* Und dann: Ende des Aufstiegs, Anfang der Abfahrt. 13 km purer Radelspaß mit Fahrtwind, der den vorherigen Gegenwind in Vergessenheit geraten ließ. Glitzernde Lichter in der Ferne, später dann auch aus der Nähe.
* Kaum in Revels eingerollt, hält ein Auto neben mir und der Fahrer fragt mich "T'es Maria (Bist Du Maria)?". Mein Couchsurfing-Gastgeber ist soeben aus Barcelona eingekehrt und eskortiert mich zu sich nach Hause.
* Lecker Abendessen: Scharfe Gemüsesuppe, selbstgemachte Linsen (für mich ohne Würstchen), Käse und zum Abschluss Pumpets, eine lokale Blätterteigspezialität, gefüllt mit Äpfeln. Und das erste Mal auf dieser Reise trinke ich Wein. Bin ja wieder gesund ;-)

Und nun: ab ins Bett, um Fotos und weitere Reiseberichte kümmer ich mich später!

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Danke für den Artikel. Er trifft m.E. so manchen Nagel...
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