Es wird Zeit, dass ich mal ein wenig über die Gegend hier schreibe - nicht nur über Anstiege und Abfahrten, sondern über die Geschichte, die Leute, die Sprache, das Essen... und da gibt es eine Menge zu erzählen!
Just in diesem Moment sitze ich mit einem Cappuccino im Café de Pays von Nerac, wo ich mich eigentlich gerade im Schloss von Henri IV weiterbilden wollte. Aufgrund einer außerordentlichen Schließung des Museums muss ich stattdessen aber die Sonne genießen und nutze das gleich mal zum Aufschreiben meiner Eindrücke. Das Café hier gehört übrigens einem Belgier, mit dem ich gerade in einer Mischung aus Deutsch, Flämisch und Französisch über die Internetverbindung diskutiert habe. Ein sehr netter Kerl, ebenso wie die marokkanischen Tischnachbarn ;-)
Ich befinde mich nun südlich des großen Flusses Garonne, der von Toulouse aus über Bordeaux bis ins Meer fließt. Gestern habe ich ihn auf einer Fußgängerbrücke in Agen überquert, um in das Dorf in den Hügeln zu kommen und da war die Garonne bereits so breit wie die Elbe in Hamburg. Derzeit gibt es auch ein bisschen Hochwasser und vielleicht täuscht die Breite, aber ich bin sehr beeindruckt davon, dass eine Flußquerung für Nichtmotorisierte geschaffen wurde. In Agens habe ich außerdem noch eine weitere tolle Brücke gefunden, die über den Canal du Midi führte: die Eifel-Brücke in Stahlfachwerkbauweise. Erinnerte mich ein wenig an das Blaue Wunder, nur dass sie eben kleiner und braun war. Und vom Herrn Eifel, das ist ja wohl was!
Agen, das ist eine über 30.000 Einwohner zählende Stadt im Herzen des Départements Tarn-et-Garonne, einer sehr ländlichen Gegend mit unheimlich viel Landwirtschaft. Auf meiner Tour von Toulouse bis Moissac habe ich schon die ersten Obstbauern Bäume schneiden sehen, gestern dann auch viele verschiedene Tiere und heute sogar einen Traktor, der ein Feld - mit was auch immer? - besprenkelt hat. Tatsächlich ist die Gegend hier bekannt als Obstwiese Frankreichs, sehr bedeutend darunter die Pflaume in getrockneter Form. Hab mich heute gleich mal eingedeckt.
Ich speicher schon mal vor. Falls der Akku ausgeht, schreibe ich später weiter...
... der Akku ist auch wie erwartet gestorben und nun - einen Tag später - sitze ich im Café "Caro & Co" im Pilgerstädtchen Bazas, habe gerade die Kathedrale besucht und versuche mal, an den gestrigen Eintrag anzuknüpfen.
Die Trockenpflaumen von Agen, das sind nicht nur einfach getrocknete Früchte. Sie tragen stolz den Namen "Prunes d'Agen" und werden in allerlei Verarbeitung angeboten - unter anderem umhüllt von verschiedenen Schokoladen, aber auch in der folgenden Form: man saugt Kern und Fruchfleisch aus der Pflaume, macht aus dem Essbaren Pflaumenmus und spritzt das zurück in die naturgewachsene Hülle. Sehr lecker, aber was für eine Arbeit!
Abseits von Pflaumen gibt es hier auch Äpfel, Birnen, allerlei Nüsse... und ich habe auch französische Kiwis gekauft, allerdings ohne zu wissen, aus welcher Region die stammen. Hunger leiden muss man jedenfalls nicht, denn neben Obst gibt es auch jede Menge leckeren Käse und, wie es sich für Frankreich gehört, Baguette und Blätterteigspezialitäten. Letztere werden übrigens "Viennoiseries" genannt, was sich vom französischen Wort für Wien - Vienne - ableitet. Denn das Croissant wurde anlässlich der erfolgreichen Abwehr der Türken bei einem Belagerungsversuch ebenda erfunden - aber das wussten Ihr sicher schon ;-)
Dass das Essen in Frankreich einen hohen Stellenwert hat, kann ich bestätigen. Fast täglich radele ich an einem Markt vorbei, auf dem allerlei Essbares in unverarbeiteter Form angeboten und natürlich auch gekauft wird. Oft werden diese Märkte an einem zentralen Platz unter einer fest installierten, meist schon sehr alten Überdachung abgehalten. Ich kann mir vorstellen, dass das im Sommer aufgrund von Hitze und Sonnenschein auch nötig ist. Derzeit freu ich mich allerdings noch über die pure Sonne und setze mich gern an den Rand eines Marktes, packe mein Baguette, etwas Käse und das Erdnussmus aus und mache mir ein schönes Mittagsmahl. Fast immer bekomme ich dann freundliche "Bon appetit!"-Zurufe von den Passanten, woraufhin ich mich natürlich mit "Merci" bedanke.
Auf dem vorgestrigen Markt in Valence hatte ich Extra-Glück und fand einen Kaffee-Stand, wo die Bohnen noch unvermahlen angeboten wurden. So konnte ich mich mit der Verkäuferin unterhalten, die mir eine gute, starke Arabica-Robusta-Mischung für eine Mokkazubereitung auf italienische Weise (kleines Kännchen auf der Herdplatte) vermahlte. Man will ja gewappnet sein, wenn der Couchsurfing-Gastgeber mal keinen Kaffee da hat :-)
Die Kaffee-Dame war ebenso wie viele andere Leute recht aufgeschlossen und hat die Top 3 der mir begegnenden französischen Phrasen verwendet:
- "Vous êtes toute seule?" (Sind sie ganz alleine [unterwegs]?)
- "Vous êtes courageuse!" (Das ist mutig!)
- "Bonne route!" (Gute Reise!)... manchmal kommt stattdessen "Bon courage!" (Guten Mut!)
Tatsächlich sieht man momentan nicht soo viele Radwanderer, schon gar nicht abseits des Canal du Midi. Es gibt relativ viele Rennradfahrer und die grüßen auch immer ganz freudig, aber dennoch scheint mir das Radfahren hier noch nicht so beliebt zu sein wie in Deutschland. Ich merke das daran, dass Autos und LKWs oft in einem recht geringen Abstand überholen, sodass ich inzwischen gern mal ein wenig hin- und hertorkele, wenn ich ein Fahrzeug hinter mir höre. Außerdem trage ich ganz brav eine gelbe Warnweste, die ich aber in der Stadt möglichst schnell ausziehe. Und einen flatternden Rock über der Radhose, um ein bisschen mädchen- und damit beschützenswerter auszusehen ;-)
Bisher habe ich außerhalb der Stadt nur zwei Frauen - gemeinsam - auf Fahrrädern gesehen, und das war kurz vor Agen am Canal du Midi. Aber ich denke, dass ist auch eine Frage der Saison. Momentan ist ja noch kalendarischer Winter und für die Leute hier ist es wahrscheinlich noch kalt. Ich dagegen habe mir bereits schon den ersten Sonnenbrand auf den Schultern und auf dem linken Ohr eingeholt. Leider lässt sich letzteres während der Fahr schlecht bedecken, wenn ich nicht schwitzen will...
Zurück zu den "normalen" Leuten, also denen ohne Fahrrad: die sind, wie überall, bunt gemischt und nicht über einen Kamm zu scheren. Die meisten sind natürlich Franzosen und sprechen als solche vor allem französisch, was mir sehr hilft, meine Sprachfähigkeiten zu erweitern. Ich habe immer noch Probleme, den Unterschied zwischen "vent" (Wind) und "vin" (Wein) verständlich auszusprechen, was als radfahrende und guten Getränken nicht abgeneigte Person nicht immer leicht ist. Aber abgesehen davon komme ich gut zurecht und die Gesprächspartner sind oft geduldig in Bezug auf Sprechgeschwindigkeit und Wiederholungsbedarf des soeben gesagten. Kurzum: von Tag zu Tag geht es (sprachlich) bergauf und ich hoffe, in wenigen Wochen doch etwas schneller und unkomplizierter kommunizieren zu können. Wobei ich mein deutsches Sprechtempo ehrlich gesagt gar nicht erreichen will! ;-)
Auch die Nicht-Franzosen, und davon gibt es hier vor allem Marrokaner und andere Nord- bzw Zentralafrikaner, sprechen natürlich französisch und sind einer radfahrenden Touristin gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich habe gelernt, dass es da zwei verschiedene Gruppen gibt: die Pieds-Noir ("Schwarze Füße") sind Franzosen, die einige Generationen in Afrika gelebt haben und aufgrund der dortigen politischen Verhältnisse zurück in ihr Heimatland gezogen sind. Ähnlich den deutschen Spätaussiedlern, nur eben mit erhaltenen französischen Sprachkenntnissen plus in Afrika erworbenen Dialekt. Die "Maghrebins" dagegen kommen ursprünglich aus Nordafrika und meist nur zum Arbeiten nach Frankreich gezogen. Einige davon bleiben hier und gründen Familien (bzw. holen diese nach), andere gehen zur Rente wieder zurück. Und hier kommt eine bizarre französische Regelung ins Spiel: wenn ein Nordafrikaner nach abgeleisteter Arbeitszeit wieder in seinem Heimatland lebt, bekommt er eine kleinere Rente als bei einem Wohnsitz in Frankreich. Das führt natürlich dazu, dass einige Maghrebins sich Häuser in Südfrankreich kaufen, die dann als Briefkastenadresse funktionieren. Einer meiner Gastgeber wohnte im Obergeschoss einer solchen Wohnstätte...
Alle Bevölkerungsgruppen - ob Franzosen, Pieds-Noir, Maghrebins oder noch andere - haben hier unten im Süden derzeit mit einer relativ hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen, in einigen Städten bis zu 25%. Damit einhergehend ist leider eine starke Wählerschaft der rechtsgerichteten Front National, von der auch ich schon ein Wahlwerbezettel in den Händen hielt. "Bevorzugung nationaler Interessen bei der Vergabe von Sozialgeldern", "Unsere Wurzeln erhalten",... das alte Spiel! Nun ist mir das als Ostdeutsche nicht gerade unbekannt und ich muss sagen, man merkt es (als Deutsche?) gottseidank im Alltag nicht. Mir begegnen vor allem freundliche, hilfreiche, meiner Reise gegenüber aufgeschlossene Menschen.
Nicht ganz so freundlich ist die Landschaft, durch die ich zuletzt gerollt bin: kurz hinter Nerac begann ein recht großer Wald, der gar nicht mehr richtig enden wollte. Zuerst fühlte ich mich noch ein wenig wie in Brandenburg und freute mich über die
Fichten Kiefern am Straßenrand, doch schon bald war es eher ein leicht trauriges Gefühl ob der ganzen abgeholzten Waldstücke im platten Land. Hier wird ernsthaft Forstwirtschaft betrieben und solch lange, öde Strecken ohne jegliche Abwechslung in Form von Feldern oder Wiesen habe ich lange nicht mehr gesehen. Vielleicht in den USA, aber das ist schon eine Weile her... im Gegensatz zum schwedischen Wald ist der Boden hier eben nicht mit Moos besetzt, sondern von vertrockneten Farnen geprägt. Dazu kommt, dass die Anwohner hier gerade ihre Laubreste verbrennen, so dass häufig ein Brandgeruch in der Luft liegt. Das ist schon bizarr!
Dafür habe ich heute mittag eine wunderbare Dorfbäckerei im Nirgendwo gefunden, wo ich die wohl beste Rosinenschnecke meiner bisherigen Frankreichfahrten erstanden habe. Die Boulangerie-Patisserie war am Wegesrand lediglich mit einem kleinen Schild ausgewiesen, an der Tür des Gebäudes gab es gar keinen Hinweis. Als ich die Tür öffnete, erblickte ich das Klischee einer alten Bäckereiauslage und es bediente mich tatsächlich eine kleine, grauhaarige Dame, die das hiesiege Rentenalter (60) sicherlich schon weit überschritten hatte. Das Rosinenteilchen habe ich dann auf dem umgestoßenen Mühlstein direkt vor der Bäckerei vertilgt, den Hühnern beim Scharren zugesehen und versucht, die Uhu-Rufe von anderen Vogelstimmen zu unterscheiden. Die Dorfidylle wurde irgendwann von einem Fahrzeugbrummen unterbrochen, weil ein junger Mann "mal schnell" ein Baguette holen wollte. Naja, ich musste ja eh weiter radeln...
So weit, so gut - sollten Euch gewisse Aspekte meiner Reise noch stärker interessieren: einfach fragen!
Ich mache mich mal wieder auf den Weg nach Podensac :-)
MuTZelchen - 11. Mär, 12:44