Mittwoch, 25. März 2015

Canapennen

Da ich seit mehr als drei Wochen überwiegend couchsurfend unterwegs bin, möchte ich dazu gern ein paar Zeilen schreiben. Vielleicht fragt sich ja der ein oder andere: wie funktioniert das denn? Ist das sicher? Und warum überhaupt macht sie das?

Meine Couchsurfing-Geschichte begann 2004, als ich mich bei der ZVS für einen Studienplatz der Psychologie im Sommersemester beworben hatte. Die Auswahl der Universitäten war mit Berlin, Gießen und Würzburg sehr gering, mein Interesse für letzteren Ort aufgrund der Distanz zzur Heimat und Stadtgröße am höchsten. Also entschied ich mich, den Franken mal einen Besuch abzustatten. Ich hatte keine Ahnung vom dortigen Zimmerangebot, suchte im Internet nach Übernachtungsoptionen – und fand den „Hospitalityclub“.

Hospitality – die Gastfreundschaft – gepaart mit einer Internetplattform, auf der man sich vorstellen, nach Übernachtungen in anderen Städten suchen und andere Nutzer „bewerten“ kann, das gefiel mir. Ich meldete mich kurzerhand an und fand eine Studentin aus Würzburg, die mir für zwei Nächte ihre Couch lieh und mich zudem einen Abend durch die Stadt begleitete. Zwar habe ich den Studienplatz aufgrund meines damaligen Frankreichaufenthaltes doch nicht angenommen, aber Würzburg blieb mir in freudiger Erinnerung.

Ein paar Jahre später in Schweden half mir der Hospitalityclub wiederholt, auf Wochenend- und beim Nach-Hause-Reisen bei Leuten vor Ort zu übernachten – ich werde nie vergessen, wie ich in Tromsö mit meinen polnischen Gastgebern im norwegischen Studentenwohnheim die Fußball-WM geguckt habe und einem spanischen Sofa-Tauscher die Stadt plus Fjord von oben betrachtet habe! In Schweden konnte ich auch das erste Mal selbst als Gastgeberin aushelfen.

Den Hospitalityclub – der übrigens in Dresden gegründet wurde! - gibt es immer noch, allerdings befindet er sich inzwischen im Dornröschenschlaf. Couchsurfing, eine Website mit demselben Austauschgedanken, aber zeitgemäßerer Programmierung, hat inzwischen „den Markt“ übernommen und so bin ich seit 2012 auch hier Mitglied. Die Funktionsweise ist denkbar einfach: man meldet sich an, erzählt etwas über sich und seine (Schlaf)Vorlieben sowie über die mögiche Hilfe, die man anderen bieten kann (Schlafplatz, Stadtführung, Kaffee & Tee,...) und dann kann's eigentlich schon losgehen!

Ich versuche immer, spätestens vier Tage vor meiner Ankunft Gastgeber gefunden zu haben, was bis auf wenige Ausnahmen meistens auch geklappt hat. Ich lese mir die Profile und Referenzen der möglichen Gastgeber möglichst genau durch, schaue wer vielleicht am besten zu mir passt – es gibt zum Beispiel viele Musiker unter den Mitgliedern – und schreibe dann ein paar Zeilen zu meiner Tour mit der Bitte um Schlafgelegenheit. In den größeren Städten gibt es natürlich viel mehr Couchsurfer, sodass ich in den kleinen Orten nicht sehr wählerisch sein kann. Wenn ich niemanden finde oder ein komisches Gefühl bekommen sollte (das ist bisher noch nicht passiert), suche ich halt Jugendherbergen oder im Notfall ein Hotel.

Interessanterweise habe ich bisher kaum auf echten Sofas – hier Canapés genannt – übernachtet, sondern hab sehr oft ein Gästezimmer belegt. Das ist das Schöne am Couchsurfen: man weiß nie genau, was man bekommt, gewissermaßen wie bei Forrest Gumps Schachtel Pralinen. Ich mag, dass man bei echten Menschen zuhause und nicht in einem frischgeputzten Hotelzimmer übernachtet. Meist teilt man auch Essen und Einsichten am Abendbrottisch, sodass man viel mehr über Land und Leute erfährt. So merke ich inzwischen sehr deut(sch)lich, wie ich auf „Teller“ als frühstückliche Brotunterlage geeicht bin. Die Franzosen verzichten gern drauf oder benutzen ein kleines Tablett...

Meiner Meinung nach sprechen sehr viele Gründe fürs Couchsurfen:
  • Man trifft Menschen unterschiedlicher Herkunft und lernt andere Lebensweisen kennen - wenn man Gastgeber ist, sogar in den eigenen vier Wänden.
  • Als Gast bekommt man Informationen über die lokalen Gegebenheiten, oft sogar Tipps für aktuelle Veranstaltungen, die gar nicht in Touristenführern stehen.
  • Wenn man seinen eigenen Schlafsack und Handtücher mitbringt, erspart man der Umwelt ziemlich viel Wasser- und Waschmittelverbrauch.
  • Es ist günstig – wobei dies nicht der ausschlaggebende Grund sein sollte. Ein guter Couchsurfer ist ja nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber. Zudem finde ich es persönlich immer nett, mit einer Flasche Wein, Käse oder anderen Dingen zum Essen beizutragen.
  • Man erkundet nicht nur das Reiseziel, sonder gewissermaßen auch sich selbst und seinen Herkunftsort. Die anderen Couchsurfer sind ja auch oft reiselustig ;-)
Während ich so in den letzten Tagen über diese Form des Reisens nachdachte, habe ich mich gefragt, seit wann es das Konzept „Hotel“ im heutigen Verständnis überhaupt gibt. Couchsurfen im Sinne von „Übernachten bei Privatpersonen“ ist ja eigentlich gar nicht so neu – das wurde Jahrtausende lang praktiziert. Der einzige Unterschied ist die Art der Unterkunftssuche. Und die ist mit dem Internet eigentlich seeeehr bequem...

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Danke für den Artikel....
Danke für den Artikel. Er trifft m.E. so manchen Nagel...
Waldwuffel (Gast) - 4. Mär, 22:04

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