Reisen

Montag, 25. Mai 2015

Internetionales Weltenbummeln

Da sitz ich nun im "Adler Luxury Hostel" in Singapur und spuere das erste Mal seit ein paar Wochen wieder eine richtige Tastatur unter meinen Fingern. Mein Smartphone wollte mir nicht mehr weiterhelfen beim Checkin fuer den morgigen Rueckflug, also mache ich Gebrauch vom "Complimentary Laptop Use" (=Laptopangebot). Und wo ich schon mal da bin, kann ich auch gleich eine Runde bloggen...

Ich war nur zweieinhalb Wochen in Malaysia und in diesem Falle kann ich das NUR noch einmal speziell betonen. Bewaffnet mit einem grossen und einem kleinen Rucksack, einem deutschsprachigen Reisefuehrer und einem internetfaehigen Mobiltelefon habe ich wahrscheinlich das typische Backpackerprogramm absolviert: Grossstadtluft und Tempelduefte in Kuala Lumpur schnuppern, Teeplantagenbesichtigung in den Cameron Highlands, Trishaw fahren in Penang, Schnorcheln und Sonnenbrand kurieren auf den Perhentian Islands und zum Abschluss noch einmal durch den Regenwald im Nationalpark Taman Negara trotten. Wandern im Stechschritt scheint mir aufgrund der feuchten Hitze nicht moeglich, mich zumindest hat das Klima ganz automatisch ausgebremst. Da freut man sich ueber jedes Tierchen, was entlang des Weges als "Ausrede" zum Anhalten herhalten kann ;-)

Der Transfer von einem Ort zum anderen gestaltete sich anders als urspruenglich erwartet: eigentlich wollte ich den oeffentlichen Fernverkehr nutzen und war guter Dinge, zu diesem vor Ort auch genuegend Informationen in Form von Zeittafeln und Linienplaenen zu bekommen. Online war im Vorhinein leider nicht soviel ausfindig zu machen - und so war es dann auch im Land selbst. Die innermalaysische Zugstrecke scheint derzeit komplett eingestellt zu sein, sodass mein Traum vom Dschungelzug leider abgefahren ist. Stattdessen arbeiteten wir uns von touristischen Hoehepunkt zu touristischen Hoehepunkt in mehr oder weniger bequemen touristischen (Klein-)Bussen - Kennenlernen anderer Touristen garantiert! Eigentlich schade, dass ich so nur wenig von der echt-malaysischen Alltagskultur kennenlernen konnte. Aber vielleicht ist das auch etwas viel verlangt fuer den knappen Reisezeitraum? Wer Deutschland in zwei Wochen 'absolvieren' will, wird auch nicht komplett eintauchen koennen.

Viele der anderen Reisenden waren mehrere Monate unterwegs, aber kaum einer unter ihnen hatte fuer Malaysia mehr als zwei, drei Wochen eingeplant - insofern sind meine Eindruecke wahrscheinlich sehr Backpacker-authentisch. Und so konnten wir auch als Normalurlauber unsere Erfahrungen an Langzeitreisende weiterreichen, die unsere Stationen in anderer Reihenfolge abklapperten. Im Austausch dafuer gab es Tipps fuer moegliche kommende Aufenthalte in Thailand, Kambodia und Indonesien...

Waehrend dieser Reise ist mir aufgefallen, wie stark ich mich in den vergangenen drei Jahren an die Dauerpraesenz des Internets gewoehnt habe. Es gab auch in Malaysia praktisch keine Herberge, wo man nicht wenigstens ab und zu eine Internetverbindung hatte - ganz im Gegensatz zum Telefonnetz. Und so war facebook zugegebenermassen ein treuer Reisebegleiter, mit dem ich immer mal wieder kulinarische Fotogruesse in die Welt gesendet habe. Auch Bus- und Flugbuchungen wurden per Smartphone erledigt, wobei sich mein gerade mal drei Jahre altes Telefon im Vergleich zum I-Phone meiner Reisebegleitung ein kleiner stoerrischer Esel war. Den ich allerdings sehr lieb habe und nicht sofort gegen ein teures Rennpferd eintauschen moechte!

Auch - oder gerade - hier in Singapur ist das Smartphone omnipraesent. In der Metro sieht man eigentlich nur Menschen auf ihre Mini-Bildschirme starren.
Doch bevor ich selbst den Tag vor einem grossen Rechner verbringe, verabschiede ich mich hiermit und mache mich auf den Weg ins singapurische Nationalmuseum...

Dienstag, 28. April 2015

Radfahren in Stuttgart

Vorgestern bin ich noch mal ein paar Kilometerchen entgegen der Heimrichtung nach Südwesten geradelt - es galt, einen weiteren Freund in seiner neuen Heimat kurz vor Ende der S-Bahn-Linie 6 zu besuchen. Da der Freund inzwischen der Herr Regierungsbaumeister, zugleich Luigis Baumeister und damit fahrradaffin ist, holten wir ihn und sein Drahteselchen gleich von der Arbeit in Stuttgart-Vaihingen ab. Diese kleine Radtour und die Anreise von Tübingen aus haben mir einen neuen Blick auf Stuttgart verschafft, denn bislang bin ich dort vor allem S-, U- und Eisenbahn gefahren oder zu Fuß durchs Stadtzentrum bzw. Bad Cannstatt getrottet. Das bedeutete fast immer viel Alsphaltierung entlang hoher, nicht allzu hübscher Stahlbetongebäude, dazwischen touristische Highlights und ein durch die Tallage begrenztes Sichtfeld. Klar habe ich mich auch mal gefragt, wie die Stadt wohl von oben aussieht, aber mir leider nie die Zeit für einen Ausflug dahin genommen.

Insofern war meine samstagliche Einflugschneise über Stuttgart-Möhringen ein echtes Highlight: in (oder kurz hinter?) Degerloch erreichte ich einen steil abfallenden Waldpark, durch den eine Forststraße verlief, die für den nichtmotorisierten Verkehr freigegeben war. Luigi und ich rollten also langsam den Berg hinunter und erblickten dann rechterhand einen kleinen Pfad mit Radelspuren. Nichts wie rein ins Vergnügen, dachte ich mir, und fand mich wenig später stark holpernd auf einem Wellenparcours wieder, der Mountainbikern wohl eine echte Freude verschaffen würde. Luigi dagegen ächzte ein wenig und meinem und der Fahrradtaschen Gewicht... natürlich waren wir recht bald wieder auf dem Forstweg, wo wir einer kleinen Wandertruppe begegneten, die nicht übel über unser Gespann staunten.

Gleich danach ging es raus aus dem Wald, rein in die Weinhänge. Ein wunderbarer Anblick, der mich gleich wieder an die Umgebung Bordeaux erinnert hat - nur dass in Frankreich eben Wein auf flachem Land und nicht nur an steilen Stücken angebaut wird. Die Abfahrt durch das gutbürgerliche deutsche Wein- und Häuslebaugebiet war auf jeden Fall sehr schön und endete ziemlich genau am Marienplatz, den jeder Stuttgarter kennt. Danach ging's vorbei am Rathaus und dem Schlossplatz in den großen Park, der mich bis Bad Cannstatt führte. An keiner Stelle achtete ich auf Radfahrbeschilderung, da ich die Strecke ab Schlossplatz auch teilweise zu Fuß erkundet hatte.

Die vorgestrige Anfahrt nach Vaihingen jedoch war für mich Neuland und so schaute ich zunächst auf GoogleMaps nach einer geeigneten Route und stellte auf dem Weg recht schnell fest, dass es eine ausgewiesene Fahrradstrecke durch die Stadt gibt. Die Ausschilderung dieser beschränkte sich auf kleine weiße Schildchen mit gründer Beschriftung - leider ohne Nummerierung und damit nicht ganz so bequem wie in der Schweiz, aber doch ganz gut wiederzufinden. Die Wegführung selbst war allerdings... abwechslungsreich, um nicht zu sagen abenteuerlich. Bin ich aus Dresden rote Fahrradstreifen an Hauptverkehrsachsen gewohnt, führt man die Stuttgarter Radler gleich ganz von den Hauptstraßen weg. Sie werden im leichten Zickzack durch Parks, ruhigere Wege, teils auf eigenen kleinen Fahrradsträßchen am motorisierten Verkehr vorbeigeführt, wobei sie natürlich immer wieder mal die Wege der Autos kreuzen und dabei eigentlich immer das Nachsehen im Sinne der Vorfahrt haben. All dies gilt vor allem für die Stuttgarter Innenstadt - je weiter man aus dem Tal herausfährt, desto schöner und sicherer werden Wege und Aussicht. Und sogar die Mentalität der Radfahrer hinter Vaihingen (stadtauswärts) hat mich positiv überrascht: so folgten mir und meinem Radfahrgefährten mehrere PKWs auf einer kleinen Straße, ohne unser Nebeneinanderradeln anzuhupen.

Trotz dieser Rücksicht der Vorstadt-Stuttgarter bleibt ein mulmiges Gefühl, dass in diesem Ort der Fahrradverkehr als Transport- statt Sportmittel noch nicht richtig angekommen ist. Dazu begegneten mir eindeutig zu wenige Radfahrer, standen kaum geparkte Räder an den Straßenseiten und war die Radstreifenmarkierung quasi nicht existent. Schade eigentlich, denn Stuttgart bietet abwechslungsreiches Terrain - und die hiesige Industrie würde es auch ganz sicher schaffen, ihre Mitarbeiter für die Hangbewältigung mit E-Bikes auszustatten. Ich drück den Stuttgartern die Daumen, dass sich da noch was tut!

Montag, 27. April 2015

Erinnerungen auffrischen

Rottweil war auf meiner Reise der letzte "echt" touristische Zwischenstopp: ein Ort, den ich noch nie zuvor besucht hatte, in dem ich bei einer mir bis dato unbekannten Person übernachtet und neue Aspekte des Kleinstadtlebens erfahren habe. So habe ich gelernt, dass ich mich zufällig im ältesten Städtchen Baden-Württembergs befand - allerdings im demographischen, nicht im stadtgeschichtlichen Sinne.

Zum Ausgleich bin ich am nächsten Tag gleich in die jüngste Stadt des Südwestens gefahren. Eine Stadt, in und mit der ich schon durchaus ein paar Erfahrungen sammeln konnte: Tübingen. Vor fast genau einem Jahr habe ich dort versucht, mich für ein paar Monate heimisch einzurichten, mit allem was in einer Studentenstadt dazugehört: WG-Leben, Kneipenausflüge, im Park rumsitzen und lesen. Einziger Haken: ich war damals kein Student, auch nicht formal mit Promotionsvorhaben, sondern gehörte zu denen, die täglich "ins Geschäft" gehen und dort ihrer Arbeit nachgehen. Und wie es sich für das wohnungsumworbene Tübingen gehört, habe ich damals auch nicht in der Innenstadt, sondern in einem dörflichen Stadtteil gewohnt und bin jeden Tag einen kleinen, aber herrlich steilen Berg zu meinem Arbeitgeber geradelt. Eine tägliche (Tor)Tour, die mir das Selbstvertrauen für meine Frankreich-Reise gegeben hat.

Es war eigenartig (und) schön, wieder in der Gegend zu sein. Als erstes erkannte ich die Burg Hohenzollern rechterhand, später las ich die ersten Ausschilderungen für Tübingen und schließlich, hinter dem letzten Anstieg kurz vor Rottenburg, lachte mich die Wurmlinger Kapelle an, die ich früher auch jeden Tag auf dem Heimweg anschauen konnte. Die Dörfer, die ich dann durchquerte, hatte ich schon im Kopf: Kiebingen, Bühl, Kilchberg... und zuguterletzt Weilheim, meinem Zuhause für ein halbes Jahr. So war auch die WG meine erste Anlaufstelle, wo ich Schweizer Kekse und Schokolade zu Kaffee und Kuchen dazustellte. Eigentlich wollte ich gegen 19:00 Uhr bei einer Freundin im Stadtteil Lustnau sein, radelte dann aber doch erst mit dem Sonnenuntergang los.

Aus geplant einem Tag Tübingen wurden zwei, davon ein nostalgischer inklusive Ausflug zur ehemaligen Arbeitsstätte und ein zweiter touristischer mit Berliner Freundin und Museumsbesuch. Beide Tage haben gutgetan, und ich hatte wirklich keinen Bedarf, meinen Rechner herauszuholen. Dieses Bedürfnix pflanzte sich auch an den folgenden zwei Tagen fort... Stuttgart stand bzw. steht auf dem Programm, und auch hier gibt es genug Orte und Menschen, an bzw. mit denen ich Erinnerungen auffrischen möchte.

Nach einem unverhofften samstaglichen Ludwigsburg-Ausflug in "Dresdner" Begleitung war mein gestriges Tagesprogramm gespickt von alten Bekannten: mit vier Freunden aus Dresdner TU-Bigband-Zeiten ging's in den gemischt zoologisch-botanischen Garten "Wilhelma", wo wir Tieren und Kindern beim Spielen zugucken konnten, selbstgebackenen Kuchen verspeisten und ganz nebenbei noch Neuigkeiten der letzten Monate austauschen konnten. Das Wetter erwies sich als gnädig und hat uns lediglich im Gorillahaus etwas länger verweilen lassen. Nach der Verabschiedung der Karlsruhe-Augsburger Connection gab's noch einen Balkonkaffee in Bad Cannstatt und später Speis und Trank in der Stuttgarter Innenstadt. Ein wunderbarer Tag mit Freunden, vielen lieben Dank!

Da ich am Donnerstag bereits wieder in der (gaaanz alten) Heimat sein möchte und der Wetterbericht in Kombination mit meiner Etappenplanungshöchstgrenze (100km) die komplette Heimreise per Rad unmöglich macht, beende ich hiermit den offiziellen - oder vielleicht auch einfach nur ersten - Teil meiner Radfernreisear . Luigi und ich machen es uns jetzt erstmal noch ein, zwei Tage in Süddeutschland gemütlich, bevor wir uns mit motorisierten Wagen nach Hause fahren lassen. Ganz sicher ist: wir kommen wieder und fahren die letzten 500km von Stuttgart nach Dresden ganz sicher noch einmal ab!

Es gibt noch vieles, über das es sich zu berichten lohnt und vielleicht lege ich hier in den nächsten Tagen auch noch ein paar Eindrücke von meiner Reise nach... wenn nicht, seid gespannt auf das nächste Abenteuer ;-)

Mittwoch, 22. April 2015

Futtern (fast) wie bei Muttern

Ein kleines Anekdötchen, ursprünglich per Smartphone zu Blog gebracht:

Nach den anstrengendsten, aber auch eindrucksvollsten 30km meiner bisherigen Radreise kam ich gestern in Donaueschingen vorbei. Nichtsahnend traf ich auf zwei englische Fernradler, von denen einer gerade seine geplante Weltreise begann (eine Packtasche voll mit Kartenmaterial - ich bin mal gespannt, ob er den Ballast noch abwirft). Kurz darauf wurde mir klar, dass ich mich im Zentrum der Radreisetouristik befinde - in Donaueschingen "entspringt" die Donau, oder besser gesagt wurde hier ein Wasssepfützchen als Flussursprung definiert.

Nach einer weiteren Quellbesichtigung in Schwenningen radelte ich den Neckarradweg weiter bis Rottweil und frahte mich dort zum Gefängnis durch, wo - ganz in der Nähe! - mein Gastgeber wohnt. Wie ich mich so bei Passanten zum Knast durchfragte, kam ich mir ein bissl wie die Gangsternbraut vor, bis ich das niedliche Gefängnisgebäude sah, was bezeichnenderweise direkt neben der Jugendherberge mitten im Stadtzentrum liegt.

Nach einem Kaffee entschlossen wir uns, zum Abendbrot einen (vegetarischen) Döner zu holen und landeten in einem kleinen Laden in der Innenstadt. Wie ich so erzählte, dass es in Frankreich beim"Kebab" keine vegetarischen Alternativen gäbe, mischte sich der Dönermann ein und fragte, woher wir seien. Ich hatte Halloumi erwähnt und das gäbe es nur in Ostdeutschland. Ich antwortete: "Dresden," woraufhin er meinte, da hätte er sechs Jahre lang gearbeitet.

Es stellte sich raus, dass er bei DEM Dönerladen meiner Studienzeit - dem Dürüm Kebab Haus in der Dresdner Neustadt - gearbeitet hat und wir tauschten uns über Stimmung, Spezialitäten (Heike Dürüm mit Auberginen!), Mitarbeiter (Heike) und Apfeltee aus. Was hab ich mich gefreut und ich glaube, auch er fand's auch schön, über alte Zeiten zu reden. Der Döner jedenfalls schmeckte wie zuhause ;-)

Fotos folgen. Rechtschreibkorrektur ist schon erfolgt.

Montag, 20. April 2015

Schland.

Da bin ich wieder.

Ein gelbes Schild begrüßt mich heute gegen 15:30 Uhr hinter der Brücke über die Aare und verheißt mir, dass ich mich nicht mehr im schweizerischen Konstanz, sondern im deutschen Waldshut befinde. Noch ein Blick zurück, noch ein Gedanke an die erlebten bzw. erlesenen unendlichen Möglichkeiten in der Schweiz: Alpenpanorama, Vielsprachigkeit, Flachlandgefühle im Vauder Hochland, ungeahnte Radfahrfreundlichkeit, "Kanuland Schweiz" im Aargau, Reisen auf Einsteins Spuren (Museum in Bern, Kantonsschule in Aarau), 3D-Film-Gucken auf Monsterleinwand bei den letzten Gastgebern...

Aber jetzt bin ich ja wieder in Deutschland. Noch knapp 15km zur Herberge, die diesmal nich per Couchsurfing, sondern per Elternfreundschaften entstanden ist. Da ich kein vernünftiges Kartenmaterial bei Hand habe, frage ich die Radlerin vor mir, ob sie den Weg durchs Schlüchttal kennt - und wir strampeln gemeinsam ein paar Kilometer in ihren Wohnort, von dem aus die Straße in meine Richtung führt. Meine Wegbegleiterin spricht Hochdeutsch, keine Spur mehr von Schweizer Klängen - und es fehlt auch das Badische, obwohl sie schon seit 30 Jahren hier unten wohnt.

Das Schlüchttal ist schlüchtweg schön. Ein Fluss, viele Felsen, zwei Sägewerke und ca. 500m Steigung auf gemütlichen 12km. Mensch, Deutschland ist gar nicht so schlecht!

Im Zielort angekommen, frag ich noch einmal nach dem Weg und werde nach Angabe der Zieladresse nach einem Namen gefragt. Ich nenne den Nachnamen und ernte den vollen Namen der Freundin meiner Eltern - jetzt weiß das Dorf also, dass sie Besuch von einer Radwanderin bekommt ;-)

Noch eine Kurve, ein EDEKA, ein paar Meter die Straße hinauf - und dann bin ich da. Zurück in Deutschland, in einem schönen Haus mit Kachelofen und noch verbleibender Osterdekoration am Südrand von Südbaden. Ab nun wird nicht mehr der Staat, sondern nur noch die Region gewechselt...

Donnerstag, 16. April 2015

Zweisprachige Zwiesprachen

Ich sitze in Bern am Küchentisch einer langjährigen Freundin - sie ist mit ihrer Familie gerade beim Apero den neuen Nachbarn im Stockwerk über mir zu Gast, während mir langsam bewusst wird: das war's dann mit dem Französisch! Hier ist wieder Deutsch angesagt, wenn auch nicht immer in für mich verständlicher Form. Tatsächlich fiel mir der Wechsel in meine Muttersprache mündlich gar nicht so leicht, habe doch gerade erst angefangen, Füllwörter wie "hep", "bah", "quoi", "donc" und ein bis zum nächsten Wort andauerndes "ahhhhhh" in meine Sätze einzubauen. Und das Wort "itineraire" (Reiseroute) geht mir auch erst jetzt flüssig von der Zunge!

Gottseidank hatte ich einen ganzen Tag Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden - war ich gestern vormittag noch im französischsprachigen Lausanne, hab ich am frühen Nachmittag in Murten/Morat (dt./frz.) das erste Mal auf deutsch nach dem Weg zum Strand fragen müssen. Dort war ich mit meinem Fribourger/Freiburger (frz./dt.) Gastgeber verabredet, der mit einer vielsprachigen Runde junger Schweizer (erster und x-ter Generation) den Abend beim Beachvolleyball und Grillen ausklingen lassen wollte. Dabei wurde innerhalb der Unterhaltung öfter mal die Sprache gewechselt und ich bin ehrlich beeindruckt, wie gut die Schweizerdeutschen aus Freiburg und Bern französisch sprechen konnten!

Wie so vieles ist die Sprache in der Schweiz "von Kanton zu Kanton verschieden" - so gibt es fast ausschließlich französischsprachige Kantone wie den Vaud (wozu Lausanne gehört), deutschsprachige wie Bern, das italienischsprachige Tessin und eben auch einige wenige, die als mehrsprachig gelten. Dazu gehört der Kanton Fribourg/Freiburg, in dessen Hauptstadt ich gestern genächtigt habe.

Fribourg ist ein sehr hübsches Städtchen mit viel Steigung, in dem zur Überwindung der Höhenunterschiede eine Standseilbahn mithilfe von Abwässern betrieben wird. Das soll im Sommer nicht besonders gut riechen... meine Nase hat glücklicherweise keinen Wind davon bekommen ;-) Dafür haben meine Augen viel "Heimatluft" geschnuppert: ein Flüsschen, dass sich durch die Altstadt gräbt und von alten sowie einer großen, wahrscheinlich selbstmordgeeigneten Brücke überwunden werden kann. Dazu ein wenig Granit und an vielen Stellen der Stadt die zweisprachige Beschilderung der Straßen - es hatte was von Bautzen. Im Gegensatz zu meiner alten Heimat steht jedoch in Fribourg der deutsche Straßenname nicht oben, sondern untertitelt meist die französische Bezeichnung. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel, wie zum Beispiel am "Plaetzli".

Einen Bern-Tag später:

Bilingualität ist hier in der Schweiz aber nicht nur in den deutsch-und-französischsprachigen Kantonen alltäglich, sondern eigentlich auch in sämtlichen Schweizerdeutschen Kantonen. Nicht nur, dass es unheimlich viele Schweizer erster Generation (d.h. mit immigrierten Eltern) gibt, schon die Alltagssprache hier ist deutlich verschieden vom Hochdeutschen, dass hier einfach "Schriftsprache" genannt wird. So verstehe ich ganz gern mal Bahnhof, wenn man mir in Bern schnell etwas über die Schulter rufen will. Mit einem höflichen "Ich spreche leider kein Schweizerdeutsch" entschuldige ich mich dann und hoffe, dass man mir das Deutschsein dann nicht übelnimmt. Grundsätzlich wird Deutschen nämlich geraten, ihren Heimatdialekt - und sei er noch so verschieden vom Schweizer Klang - auszuleben, das würde einen sympathischer machen. Doof nur, wenn man so wie ich nicht über einen extremen Dialekt verfügt bzw. seinen Oberlausitzer Heimatklang nicht auf Knopfdruck abrufen kann. Sächsisch imitieren werde ich hier jedenfalls nicht!

Das Schweizer Deutsch und auch der Klang der Schweizer, wenn sie Schriftsprache sprechen, gefällt mir auf jeden Fall sehr gut und es gibt Bezeichnungen, die sich mir auch aus vergangenen Reisen ins Hirn eingebrannt haben: das "Znüni" fürs Zweitfrühstück, das "Zvieri" fürs nachmittägliche Mahl und die "Hochzeiter" für die Brautleute seien nur einige Beispiele. Dazu kommt ein am Satzende eingestreutes ",oder?", dass wie wie ein ",gell?", aber viel häufiger als das sächsische ",niwahr?" verwendet wird. Anfangs wollte ich immer noch mit "Stimmt." reagieren, aber das habe ich mir inzwischen abgewöhnt.

Zwei Tage Bern also, wo noch viel mehr als zwei Zungen zahlreiche Zituationen zerlegen... schön ist's hier!

Mittwoch, 15. April 2015

Tags schlafen die Boote doch

Führte ich gestern sonnenbrandbedingt ein Schattendasein in Lausanne, so hab ich am Tag zuvor doch viel UV-Licht am Lac Leman zwischen Morges und Lausanne abbekommen. Während ich dort in Freizeitkleidung mit Freizeitlektüre beschäftigt war, sah ich mittags einige Anzugträger, die auf den Promenadenbänken ihre mitgebrachten Salate aus der Plastikverpackung gabelten und danach eine Zigarette rauchten... arme Jungs & Mädchen, dachte ich mir manchmal. Wobei - vielleicht macht ihnen der Job und die Pause am See ja auch einfach Spaß?

Arm im engeren Sinne ist hier in der Schweiz wirklich niemand, das ist durchaus zu spüren. Ein (wieder) neues Gefühl, denn in Frankreich wurde ich oft mit dem Klischee (?) des vergleichsweise reichen und wirtschaftlich prosperierenden Deutschland konfrontiert, wo "die Krise" lange überwunden ist und kaum Arbeitslosigkeit herrscht. Anfangs glaubte ich den Südfranzosen, dass die dortigen Verhältnisse etwas schlechter als bei mir zuhause standen, aber nach ein paar Wochen kamen mir doch Zweifel - hatte ich doch fast ausschließlich gut situierte Leute besucht. Das einzige, was mir in Frankreich durchaus auffiel, waren die vielen Wohnwagensiedlungen.

Letztendlich habe ich am vorletzten Frankreichtag mal die Arbeitslosenzahlen verglichen und war überrascht, dass die Franzosen im Schnitt eine ebenso hohe Quote haben wie - leider muss ich hier lokal eingrenzen - Ostdeutschland. Ja, ich weiß, die Arbeitslosen- bzw. -suchendenzahlen werden in jedem Staat anders erfasst, aber das waren nunmal die einzigen leicht zu recherchierenden Zahlen. Und nein, ich finde nicht, dass Frankreich ein armes Land ist. Kein Land, wo bis zu 25% Wahlergebnis für die rechtsgerichtete "Front National" durch soziale Probleme erklärbaren lassen. Ebensowenig erklärt sich mir das Phänomen PEGIDA - aber das ist wohl auch eine andere Geschichte...

Zurück in die "reiche" Schweiz: das Geld liegt hier nicht auf der Straße, sondern es steckt ganz klar in den Taschen, Straßen, Häusern und eben auch fahrbaren Untersätzen der hiesigen Bevölkerung. Interessanterweise entdecke ich hier sehr häufig Autos deutscher Fabrikation, speziell die mit dem lustigen Stern, der eigentlich eher wie ein abgewandeltes Peace-Zeichen aussieht. Frieden für Verkehrsteilnehmer, inklusive (reichlich vorhandener) Fahrradfahrer - das ist doch mal was! Das Fahrrad hat auf französisch übrigens den Spitznamen "la petite reine", was sich als "kleine Königin" übersetzen lässt. Gefällt mir seeehr gut ;-)

Was die Boote betrifft, so ging mir gestern am See ein Licht auf: wer sich ein eigenes Schiff leisten kann, muss dafür meistens tagsüber arbeiten. Wer tagsüber nicht arbeitet, hat meist nicht genug Geld für ein eigenes Boot. Und genau deswegen gibt es in schiffbaren Regionen immer viiiiiel mehr Boote am als auf dem Wasser. Schade eigentlich, könnte man doch tagsüber soooo schön über den See segeln...

Tags schlafen die Boote doch

Genfer See am Sonntag

Nur fliegen ist schöner?

Dienstag, 14. April 2015

Der kleine Unterschied

So, nun bin ich also in der Schweiz. Wasser und Alpen, wohin das Auge reicht - wenn nicht gerade ein (Hoch)Haus den Blick versperrt. Herrlich, errlich!

Spielplatz mit Stadt- und Alpenblick in Genf

Nach einem bummeligen Tag in Genf, bei dem ich auch ein vom Käsemacher empfohlenes Eiscafé aufgesucht habe - das Ziegenkäse-Eis gab's diese Woche leider nicht, aber meine Kostproben (Schoko, Pistazie, Ananas-Minze und Kaffee) waren auch nicht schlecht - ging es entlang des Leman-Sees in Richtung Lausanne. Immer schön neben einer Art Bundesstraße, mit durchgängiger Radstreifenmarkierung und unzähligen anderen Fahrradfahrern. 20 km vor Lausanne war ich um 18:00 Uhr am Bahnhof in Rolle mit meinen radreiseerfahrenen Gastgebern verabredet - und merkte pünktlich halb sechs, wie das Fahrgefühl schwammiger wurde... ein Platten im Vorderrad, 5km vor dem Ziel.

Statt den Platten gleich zu beheben, pumpte ich das Rad gefühlte zehnmal wieder auf fahrbaren Luftdruck auf, rollte ein paar hundert Meter und schaffte es so bis zum Strand in Rolle, wo ich mich an die Reparatur machte. Meinem Couchsurfer hatte ich noch per SMS Bescheid gegeben, sodass er hinzukam und noch ein paar Fotos von der Selfmade-MuTZ machen konnte, während sie Luigi verarztet ;-)

MuTZ verarztet Luigi

Danach ging es durch die Weinhänge der Cotes de Morges ins hügelige Vorland von Lausanne, wo die Gastgeber ein Wohnung mit bestem Alpenblick angemietet haben. Die Wohnung war voll von selbstgeschossenen Fotos aus aller Welt, denn die beiden sind in den letzten 3 Jahren einmal um den Globus geradelt. Echte Radfahrfans, die mir noch gute Tipps für die Lausanne-Erkundung und die Weiterreise durch die Schweiz geben konnten.

Dass die Frankoschweiz, aka Romandie, nicht mehr Frankreich ist, merkt man außer am Alpen-See-Mix und dem Preisunterschied an kleinen Dingen: das Mobiltelefon heißt nicht mehr "portable", sondern "natel" (kommt von "Nationaltelefon"), das Handtuch "linge" und nicht "serviette" und hier sagt man außerdem "jogurt" statt "yaourt"... das erinnert mich ein wenig an meine Campingplatzzeit in Saumur, wo ich meine amerikanisches Englisch mit britischen Ausdrücken zu würzen gelernt habe, da die Urlauber dort vorrangig aus Großbritannien kamen. Nur dass mein Englisch bei weitem besser war als es mein Französisch heute ist, sodass es mich schon etwas Mühe kostet, die Unterschiede zu (be)merken.

Gestern dann rollte ich hinunter an den See und wollte eigentlich am frühen Nachmittag meine Stadterkundung in Lausanne starten. Aber schon die Hafenpromenade in Morges war in der Sonne so verlockend, dass ich erstmal mein Buch ausgelesen, ein Mittagspäuschen gemacht und mir heftig die Schultern verbrannt habe. Den restlichen Tag bin ich von Schatten zu Schatten geschlichen, habe dabei aber so einige Sehenswürdigkeiten zu Gesicht bekommen: das Schweizer-Käse-förmige "Rolex Learning Center" der Lausanner Ingenieursschmiede, den mit Skulpturen gespickten Park um das Olympia-Museum, die Lausanner Kathedrale sowie die von Treppen und steilen Straßen gespickte Stadt Lausanne. Luigi hat mit seiner Beladung manchmal einen echten (Draht)Esel abgegeben, den man nicht mehr reiten, sondern schieben oder gar tragen musste...

Lange Lesepause am Lac Leman

Da ich mein nächstes großes Ziel Bern erst am Donnerstag erreichen will (meine dortige Freundin hat an dem Tag ein Vorstellungsgespräch und ich will sie nicht vorher ablenken), habe ich mich spontan entschieden, heute einen weiteren Bummeltag einzulegen und mich hier im Schatten von meinem Sonnenbrand zu erholen. Auf dem Plan steht das "Musée d'Art Brut", in dem Kunst von psychisch Kranken ausgestellt wird. Ich bin mal gespannt.

Unterwegs werde ich sicher auch mal einen Bäcker aufsuchen und die kleinen kulinarischen Unterschiede erkunden. Eins kann ich jetzt schon sagen: Schweizer Rosinenschnecken (hier tatsächlich wieder "escargots des raisins" - Schnecken - genannt und nicht "pain du raisins" - Rosinenbrot) sind uuuunschlagbar lecker!

Montag, 13. April 2015

Zickiger Abgang

Nach meiner Nacht im Freien verblieben noch zwei volle Tage im Frankenland, beide gesäumt von strahlend blauen Himmel mit praller Sonne und bis zum ersten Etappenziel ebenfalls strahlend blaues Rhone-Wasser, dass mich entlang eines Fernradweges in Richtung Genf begleitete. Da ich recht früh in den Tag startete, blieb viel Zeit zum Pausieren, Lesen, Eis essen und die Radtour im Kopf noch einmal Revue passieren zu lassen. Dabei habe ich gemerkt, wie sich so langsam eine Routine in mein Radlerdasein eingeschlichen hat und dass das zauberhafte Gefühl des Neuseins im Süden einer gewissen "Ich kenn mich eigentlich schon ganz gut aus"-Attitüde gewichen ist. Insofern war es wunderbar, dass sich Frankreich auf diesen beiden letzten Etappen noch einmal von einer ganz anderen, bergigen und menschlichen Seite gezeigt hat.

Meine vorletzte französische Gastgeberin war - wie sehr viele Couchsurfer zuvor - eine junge Lehrerin, mit der ich die vorsorglich gekaufte letzte Flasche lokalen Weines (Cotes de Seyssel) angebrochen habe. Sie ist am nächsten Tag in den Urlaub gestartet und so machte ich mich bepackt mit dem Rest des Vortrages-Desserts (Apple Crumble), des Weins, etwas Käse und ein paar Scheiben Brot auf zu meiner geplanten Bergetappe, die mich über die Ausläufer der Alpen führen sollte. Ich muss zugeben, vor dieser Strecke hatte ich zuvor ziemlichen Respekt gehabt und deshalb nur 40km anvisiert. Letztendlich wurden es aufgrund eines kleinen Umwegs knapp 50km, aber die waren nicht halb so anstrengend, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte. Der Gipfel war bei 600m erreicht und da ich ja vorher auch nicht auf Meeresniveau gestartet war, hätte ich sicher noch weitere 30km fahren können. So aber haben Luigi und ich bei bester Alpensicht eine laaaange Lesepause eingelegt, während der uns unzählige Radler und Jogger grüssten - Sonntagsausflügler, die ihre Autos im höchstgelegenen Dorf abgestellt hatten, wie sich später herausstellte.

Statt in Genf nächtigte ich vorgestern noch im französischen Vorland auf einer Ziegenfarm - eine Erfahrung, die meiner Frankreichreise wirklich nochmal einen neuen Geschmack gegeben hat, im wortwörtlichen Sinne. Meine Gastgeber hielten nämlich nicht nur ca. 40 Ziegen mit lustigen Namen wie "007", "J. Bondes" (die zickige James-Bond-Familie), "Jedna" (Einser-Familie) und "Prometheus" (Götter-Familie), sondern verarbeiteten die Milch selbst zu Käse. Und so habe ich nicht nur beim Melken und Füttern, sondern auch beim Käsemasse-in-Form-Füllen zugesehen und viele Fragen gestellt. Pierre, der Hausherr, hat mir anschliessend auch noch eine Comic-Lektüre zum Thema mitgegeben, die ich mir demnächst genauer durchlesen werde und vielleicht noch ein paar Erklärungen hier schreiben kann. Auf jeden Fall ist ein solcher handgemachter Ziegenkäse wirklich zum Anbeissen, bzw. Anschneiden! Hätte ich mehr Zeit für die Rückreise, wäre ich wirklich gern noch ein paar Tage geblieben und hätte weiter gelernt und geholfen...

Aus dem eigenen Käse und zudem einen ebenfalls in der Familie hergestellten Reblochon-Käse gab es zum Abendbrot noch das typisch französisch-bergländische Gericht "Tartiflette", eine Art Kartoffelauflauf mit Zwiebeln, der mit Reblochon überbacken wird. Dazu lokal gebrautes Bier und einen letzten Schluck Bordeaux - besser kann man eine Frankreichreise eigentlich gar nicht beenden!

So rollte ich also gestern, zufrieden-glücklich und gespannt auf das nächste Land in Richtung Schweizer Grenze. Die war in knapp 20min erreicht und entpuppte sich als grüner Grenzübergang direkt hinter einer Bundesstrasse. Und der Anblick, der mich nach der ersten Kurve begrüsste, überraschte mich auch zugleich: "que du vin" (nichts als Wein)! Aber das ist eine andere Geschichte...

Fotos folgen, da mich Flickr aufgrund des neuen Staates gerade nicht einloggen lässt...

Samstag, 11. April 2015

Unter freiem Himmel

Lassen wir mal die Aufzählung der besuchten Sehens- und Schmeckenswürdigkeiten in Lyon beiseite
- oder zählen sie in kursiv schnell auf: Blick in die Altstadt aus dem höhergelegenen Stadtviertel la Croix Rousse, Bounty-Eis am "Rathausplatz", Musée des Beaux Arts, Pommes frites mit Samuraisauce, Musée des Confluences (eine Art Riesen-Hygienemuseum, in dem verschiedene Themen aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt werden - ich hab viel über astronomische Theorien zur Entstehung des Universums gelernt), Tomaten-Basilikum-Eis in der Altstadt, Park Tête d'Or und ganz tolles Olivenbrot gleich hinterm Gare Part-Dieu -
und konzentrieren uns auf das Wesentliche einer Fahrradreise: das Wetter. Das macht inzwischen keine Anstalten mehr, sondern hat sich ganz radelfreundlich mit Sonne, Rücken- oder Seitwind und fast schon sommerlichen Temperaturen eingestellt. Seit kurz vor Lyon ist es wunderbar frühlingshaft und die Natur reagiert mit einem Feuerwerk von Farben. Leider hab ich davon vorgestern anfangs nicht ganz so viel gesehen, da mich das die Großstadt umringende Industrie- und Einkaufsland lange nicht loslassen wollte. Irgendwo hatte ich den Abzweig zur Rhone verpasst und musste so bis kurz vor Bourgoin-Jaillieu auf der stark befahrenen Departementale (die wiederum parallel zur Autobahn zwischen Lyon und Grenoble verlief) mit Lastwagen um die Wette fahren.

Ich wollte diesen Tagesabschnitt schon als hässlichste Etappe meiner Tour deklarieren, als ich im Dorf hinter Bourgoin-Jaillieu ein paar hundert Meter bergauf radelte. Der Blick von der Hochebene in Richtung Osten ließ mich dann aber schnell umdenken: diesmal gab es nicht nur einen kleinen Vorgeschmack, sondern ein ausgewachsenes Alpenpanorama, was sich vor mir erstreckte. Die Radelei machte gleich wieder mehr Spaß und so kam ich guter Dinge gegen halb sieben in meinem Zielort Les Avenières an. Dort hatte ich im Voraus allerdings keinen Gastgeber gefunden und überlegt so, wie bzw. wo ich nächtigen könnte.

Recht schnell fand ich ein Hotel im Zentrum, dass Einzelzimmer für 45€ anbot - in dieser Region ein absolutes Schnäppchen. Da es noch hell war, hatte ich aber keine Eile und dachte, ich probier mein Glück vielleicht noch woanders. Und so radelte ich zum ausgewiesenen Campingplatz, wo ich auf die Helferqualitäten anderer Gäste hoffte (in den USA hatte ich früher einmal eine sehr gute Erfahrung auf dem Nationalpark-Zeltplatz gemacht, wo uns eine Gruppe von Navy-Urlaubern auf ihrem Standplatz schlafen ließen). Natürlich hatte die Saison gerade erst begonnen und es gab nicht viele Camper, aber nichtsdestotrotz fragte ich die Dame an der Rezeption, ob ich mich mal umhören dürfe. Sie fand das eher nicht so toll, bot mir aber an, für die reguläre Radurlauber-Gebühr mit Fahrrad und Gepäck auf einem eigenen Stellplatz zu nächtigen. Und so zahlte ich meine 6,33€, suchte mir eine schöne Hecke für Luigi und überlegte, wie ich es mir bequem machen könne.

Nach einem Baguette-und-Käse-Abendbrot breitete ich meine Notfall-Gold-Silber-Decke aus, darauf kam mein Schlafsack, den ich mit allerlei Kleidung als Extra-Isolation füllte (auch das ist ein Trick, den ich mir in einer seehr kalten Nacht in den USA angewöhnt hatte). Ich las nach dem Bettfertigmachen im Dunkeln noch ein paar Seiten - Stirnlampe sei Dank! - und hoffte beim Einschlafen, die Nacht würde nicht allzu kalt werden. Und siehe da: ich hab fast 8 Stunden duchgehalten und bin erst mit Sonnenaufgang mit Vögelzwitschern wieder aufgestanden. Zwar träumte ich zwischendurch kurz mal davon, dass ich obdachlos sei und keine Socken mehr besitzen würde - aber wach gemacht hat mich die Kälte nicht mehr ;-)

Der Vorteil des frühen Aufstehens liegt auf der Hand: man hat mehr vom Tag. So bin ich noch vor acht Uhr im ersten Café eingekehrt und war erstaunt, dass ich dort bei weitem nicht die erste war. Ständig kam ein neuer Gast herein, wurde mit Vornamen duzend begrüßt und bekam seinen Morgenkaffee. Es wundert mich nun auch nicht mehr, dass viele meiner Gastgeber keine ordentliche Kaffeemaschine besitzen...

Die letzten zwei Etappe waren geprägt vom Alpenblick, wunderbaren langen Pausen unter freiem Himmel sowie dem mentalen Abschluss mit meinem Frankreich-Abenteuer. Ich habe gestern noch eine letzte Flasche regionalen Weines gekauft, dessen Rest ich heute an meinem letzten französischen Abend mit meinen Gastgebern auf der Ziegenfarm in Feigères teilen werde. Morgen geht's dann hinüber in die Schweiz, wo ich noch ein wenig Frankophonie erleben werde, bevor ich am Mittwoch in den deutschsprachigen Teil wechsele. Und sollte sich im Schweizer-Franken-Land mal keine Unterkunft finden, dann schlafe ich wieder unter freiem Himmel!

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Danke für den Artikel....
Danke für den Artikel. Er trifft m.E. so manchen...
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