Zweisprachige Zwiesprachen

Ich sitze in Bern am Küchentisch einer langjährigen Freundin - sie ist mit ihrer Familie gerade beim Apero den neuen Nachbarn im Stockwerk über mir zu Gast, während mir langsam bewusst wird: das war's dann mit dem Französisch! Hier ist wieder Deutsch angesagt, wenn auch nicht immer in für mich verständlicher Form. Tatsächlich fiel mir der Wechsel in meine Muttersprache mündlich gar nicht so leicht, habe doch gerade erst angefangen, Füllwörter wie "hep", "bah", "quoi", "donc" und ein bis zum nächsten Wort andauerndes "ahhhhhh" in meine Sätze einzubauen. Und das Wort "itineraire" (Reiseroute) geht mir auch erst jetzt flüssig von der Zunge!

Gottseidank hatte ich einen ganzen Tag Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden - war ich gestern vormittag noch im französischsprachigen Lausanne, hab ich am frühen Nachmittag in Murten/Morat (dt./frz.) das erste Mal auf deutsch nach dem Weg zum Strand fragen müssen. Dort war ich mit meinem Fribourger/Freiburger (frz./dt.) Gastgeber verabredet, der mit einer vielsprachigen Runde junger Schweizer (erster und x-ter Generation) den Abend beim Beachvolleyball und Grillen ausklingen lassen wollte. Dabei wurde innerhalb der Unterhaltung öfter mal die Sprache gewechselt und ich bin ehrlich beeindruckt, wie gut die Schweizerdeutschen aus Freiburg und Bern französisch sprechen konnten!

Wie so vieles ist die Sprache in der Schweiz "von Kanton zu Kanton verschieden" - so gibt es fast ausschließlich französischsprachige Kantone wie den Vaud (wozu Lausanne gehört), deutschsprachige wie Bern, das italienischsprachige Tessin und eben auch einige wenige, die als mehrsprachig gelten. Dazu gehört der Kanton Fribourg/Freiburg, in dessen Hauptstadt ich gestern genächtigt habe.

Fribourg ist ein sehr hübsches Städtchen mit viel Steigung, in dem zur Überwindung der Höhenunterschiede eine Standseilbahn mithilfe von Abwässern betrieben wird. Das soll im Sommer nicht besonders gut riechen... meine Nase hat glücklicherweise keinen Wind davon bekommen ;-) Dafür haben meine Augen viel "Heimatluft" geschnuppert: ein Flüsschen, dass sich durch die Altstadt gräbt und von alten sowie einer großen, wahrscheinlich selbstmordgeeigneten Brücke überwunden werden kann. Dazu ein wenig Granit und an vielen Stellen der Stadt die zweisprachige Beschilderung der Straßen - es hatte was von Bautzen. Im Gegensatz zu meiner alten Heimat steht jedoch in Fribourg der deutsche Straßenname nicht oben, sondern untertitelt meist die französische Bezeichnung. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel, wie zum Beispiel am "Plaetzli".

Einen Bern-Tag später:

Bilingualität ist hier in der Schweiz aber nicht nur in den deutsch-und-französischsprachigen Kantonen alltäglich, sondern eigentlich auch in sämtlichen Schweizerdeutschen Kantonen. Nicht nur, dass es unheimlich viele Schweizer erster Generation (d.h. mit immigrierten Eltern) gibt, schon die Alltagssprache hier ist deutlich verschieden vom Hochdeutschen, dass hier einfach "Schriftsprache" genannt wird. So verstehe ich ganz gern mal Bahnhof, wenn man mir in Bern schnell etwas über die Schulter rufen will. Mit einem höflichen "Ich spreche leider kein Schweizerdeutsch" entschuldige ich mich dann und hoffe, dass man mir das Deutschsein dann nicht übelnimmt. Grundsätzlich wird Deutschen nämlich geraten, ihren Heimatdialekt - und sei er noch so verschieden vom Schweizer Klang - auszuleben, das würde einen sympathischer machen. Doof nur, wenn man so wie ich nicht über einen extremen Dialekt verfügt bzw. seinen Oberlausitzer Heimatklang nicht auf Knopfdruck abrufen kann. Sächsisch imitieren werde ich hier jedenfalls nicht!

Das Schweizer Deutsch und auch der Klang der Schweizer, wenn sie Schriftsprache sprechen, gefällt mir auf jeden Fall sehr gut und es gibt Bezeichnungen, die sich mir auch aus vergangenen Reisen ins Hirn eingebrannt haben: das "Znüni" fürs Zweitfrühstück, das "Zvieri" fürs nachmittägliche Mahl und die "Hochzeiter" für die Brautleute seien nur einige Beispiele. Dazu kommt ein am Satzende eingestreutes ",oder?", dass wie wie ein ",gell?", aber viel häufiger als das sächsische ",niwahr?" verwendet wird. Anfangs wollte ich immer noch mit "Stimmt." reagieren, aber das habe ich mir inzwischen abgewöhnt.

Zwei Tage Bern also, wo noch viel mehr als zwei Zungen zahlreiche Zituationen zerlegen... schön ist's hier!
theralf (Gast) - 19. Apr, 00:27

Hihi, das "oder?" gibts auch im Landkreis Konschtanz!

Erstaunlich, dass das selbe Land, was so von Multisprachlichkeit geprägt ist, äußeren Einflüssen und Menschen so negativ gegenüber steht...

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