Zickiger Abgang

Nach meiner Nacht im Freien verblieben noch zwei volle Tage im Frankenland, beide gesäumt von strahlend blauen Himmel mit praller Sonne und bis zum ersten Etappenziel ebenfalls strahlend blaues Rhone-Wasser, dass mich entlang eines Fernradweges in Richtung Genf begleitete. Da ich recht früh in den Tag startete, blieb viel Zeit zum Pausieren, Lesen, Eis essen und die Radtour im Kopf noch einmal Revue passieren zu lassen. Dabei habe ich gemerkt, wie sich so langsam eine Routine in mein Radlerdasein eingeschlichen hat und dass das zauberhafte Gefühl des Neuseins im Süden einer gewissen "Ich kenn mich eigentlich schon ganz gut aus"-Attitüde gewichen ist. Insofern war es wunderbar, dass sich Frankreich auf diesen beiden letzten Etappen noch einmal von einer ganz anderen, bergigen und menschlichen Seite gezeigt hat.

Meine vorletzte französische Gastgeberin war - wie sehr viele Couchsurfer zuvor - eine junge Lehrerin, mit der ich die vorsorglich gekaufte letzte Flasche lokalen Weines (Cotes de Seyssel) angebrochen habe. Sie ist am nächsten Tag in den Urlaub gestartet und so machte ich mich bepackt mit dem Rest des Vortrages-Desserts (Apple Crumble), des Weins, etwas Käse und ein paar Scheiben Brot auf zu meiner geplanten Bergetappe, die mich über die Ausläufer der Alpen führen sollte. Ich muss zugeben, vor dieser Strecke hatte ich zuvor ziemlichen Respekt gehabt und deshalb nur 40km anvisiert. Letztendlich wurden es aufgrund eines kleinen Umwegs knapp 50km, aber die waren nicht halb so anstrengend, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte. Der Gipfel war bei 600m erreicht und da ich ja vorher auch nicht auf Meeresniveau gestartet war, hätte ich sicher noch weitere 30km fahren können. So aber haben Luigi und ich bei bester Alpensicht eine laaaange Lesepause eingelegt, während der uns unzählige Radler und Jogger grüssten - Sonntagsausflügler, die ihre Autos im höchstgelegenen Dorf abgestellt hatten, wie sich später herausstellte.

Statt in Genf nächtigte ich vorgestern noch im französischen Vorland auf einer Ziegenfarm - eine Erfahrung, die meiner Frankreichreise wirklich nochmal einen neuen Geschmack gegeben hat, im wortwörtlichen Sinne. Meine Gastgeber hielten nämlich nicht nur ca. 40 Ziegen mit lustigen Namen wie "007", "J. Bondes" (die zickige James-Bond-Familie), "Jedna" (Einser-Familie) und "Prometheus" (Götter-Familie), sondern verarbeiteten die Milch selbst zu Käse. Und so habe ich nicht nur beim Melken und Füttern, sondern auch beim Käsemasse-in-Form-Füllen zugesehen und viele Fragen gestellt. Pierre, der Hausherr, hat mir anschliessend auch noch eine Comic-Lektüre zum Thema mitgegeben, die ich mir demnächst genauer durchlesen werde und vielleicht noch ein paar Erklärungen hier schreiben kann. Auf jeden Fall ist ein solcher handgemachter Ziegenkäse wirklich zum Anbeissen, bzw. Anschneiden! Hätte ich mehr Zeit für die Rückreise, wäre ich wirklich gern noch ein paar Tage geblieben und hätte weiter gelernt und geholfen...

Aus dem eigenen Käse und zudem einen ebenfalls in der Familie hergestellten Reblochon-Käse gab es zum Abendbrot noch das typisch französisch-bergländische Gericht "Tartiflette", eine Art Kartoffelauflauf mit Zwiebeln, der mit Reblochon überbacken wird. Dazu lokal gebrautes Bier und einen letzten Schluck Bordeaux - besser kann man eine Frankreichreise eigentlich gar nicht beenden!

So rollte ich also gestern, zufrieden-glücklich und gespannt auf das nächste Land in Richtung Schweizer Grenze. Die war in knapp 20min erreicht und entpuppte sich als grüner Grenzübergang direkt hinter einer Bundesstrasse. Und der Anblick, der mich nach der ersten Kurve begrüsste, überraschte mich auch zugleich: "que du vin" (nichts als Wein)! Aber das ist eine andere Geschichte...

Fotos folgen, da mich Flickr aufgrund des neuen Staates gerade nicht einloggen lässt...
Waldwuffel (Gast) - 13. Apr, 19:48

Ich mag Ziegenkäse und bin auf eine ausführlichere Erzählung über die Tiere mit den witzigen Namen und das Käsehandwerk gespannt, wenn du wieder in Dresden bist. Bin auch gespannt, was du vom Schweizer Käse hältst im Vergleich zur französischen Vielfalt. Bon voyage!

A Lover Of Cheese (Gast) - 25. Apr, 08:30

Hommage pour le fromage

oder Ode an den Käse:

Schafe (Ziegen) haben, außer als Lieferant von Wolle,
Noch eine sehr viel leck're Rolle.
Nein! nicht auf den Spieß und grillen,
Sondern viele Kannen Milch zu füllen.

Laab dazu und ein paar Spuren
Von auserwählten "Hochkulturen".
Dann für lange Zeit in eine Höhle oder Truhe,
Denn was ein guter Käse werden will braucht Ruhe.

Und hat er erst das richt'ge Alter...
Mein Gott Walter!
So manches Menschen Nase revoltiert,
Jedoch des Kenners Gaumen jubiliert =)

Roter Schimmel, blauer Schimmel,
Roquefort, Camembert, Brie
Zahllos die Namen im Käsehimmel.
Diese Aromen vergeß' ich nie.

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